"Am Strand": Zeiten und Welten

 

Am Strand, 1988, Öl auf Leinwand, 95 x 120 cm

 

 

Das Ölbild „Am Strand“ von 1988 zeigt links einen kauernden Akt, daneben den Kopf eines jungen Mannes und rechts einen nackten jungen Mann, als dessen „Vorbild“ ich eine antike griechische Statue nahm. .

Es war in diesem Bild meine Intention, klassische Skulpturen so zu malen, dass sie wie lebendige Akte aussehen. 

Der Strand wirkt in meinem Bild wie eine imaginäre Bühne, auf der sich Figuren aus der modernen Welt und der Klassik begegnen. Vielleicht haben sie sich was zu sagen? Aber vor allem: Sie präsentieren, sie zeigen sich zusammen. Synergetisch, nicht agonal. 

In „Am Strand“ habe ich auf ein Werk aus einer vormodernen Kultur zurückgegriffen, die aber nicht irgendeine ist, sondern die griechische Antike. Dabei geht es mir nicht nur um die Betonung einer "Erinnerungskultur", da die Antike in Museen, Literatur und in allen sonstigen Medien hervorragend dokumentiert ist. Im Bild „Am Strand“ findet eine imaginative Symbolisierung mittels unserer „Einbildungskraft“ statt. Kraft ihrer nehmen wir nicht nur oberflächlich die Parallelität von Figuren aus verschiedenen Zeiten und Welten wahr; vielmehr gewinnen diese ein eigenes Leben.

 

Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.

Shakespeare

Der Apfel, 2009, Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm

 

 

In „Der Apfel“ geht es wie oft in meinen Arbeiten um eine „ernste Parodie“. Diesmal werden in doppelter Weise – einmal die Pierrot- und Harlekin-Ölpinseleien, die uns täglich aus allen Kaufhäusern, Populär-Galerien und entsprechenden Internet-Angeboten angrinsen – parodiert, aber auch die seriösen „Originale“ wie auf meinem Ölbild „Pulcinellas Küche“ von Tiepolo. Die Pulcinelle überlagern in „Der Apfelbiss“ eine burschikose Schöne, die einen prächtigen Apfel mit freudig-erregter Adorationsgeste vors linke Auge hält. Damit wirbt sie im Original für die deutsche Agrarwirtschaft und wir fragen uns: Muss das sein, einen zentralen Mythos der abendländischen Kultur, nämlich den von Adam und Eva, im wahrsten Sinne des Wortes zu veräppeln? Doch damit nicht genug: Vor dem Topf, in dem ein Pulcinella sein Süppchen kocht, meinen wir den oberen Teil einer unverhältnismäßig vergrößerten Blut-Orangen-Scheibe zu erkennen, die wiederum überlagert wird von einer dunkelgrünen Form, in der ein männliches maskenhaft fahles grünes Gesicht zu erkennen ist; was wir jetzt unschwer als Adam identifizieren. Das Ganze spielt sich vor einem durchlichteten grünen Hintergrund ab, der eine Parklandschaft suggeriert, also, um bei der Genesis zu bleiben, doch wohl das Paradies meint. „Paradise lost“?

Die Figur des Pulcinella gehört zum Repertoire der Commedia dell’arte. Er ist bucklig, bauernschlau, trägt immer eine Halbmaske mit riesiger Hakennase und sollte ursprünglich das neapolitanische Volk verkörpern.

 

Florens Christian Rang hat in einem wortmächtigen Essay vorgeschlagen, die „verkehrte Welt“ des Karnevals als exzessives dionysisches Opferfest zu begreifen, in dessen ekstatischem Verlauf der Ordnung, die aus dem „gestirnten Himmel“ stammte, rauschhaft Hohn gelacht wurde. „Durch das Kalender-Loch der Unordnung brach der Triumphzug des Dramas der Außerordentlichkeit.“[i] Rang folgert aus diesem karnevalistischen temporären Aufbegehren, diesem „verzweifelten Mut, Komödie zu spielen“, „dass überhaupt die moderne Freiheit des Geist- und Seelenlebens in die Zeit gesprungen ist als Faschings-Bocksprung und –Freisprung“. Diese Herleitung der Welt aus dem Geist der Karnevals-Exzesse steht in einem merkwürdigen Gegensatz zu dem gesitteten Verhalten von Adam und Eva nicht nur in ihrem relativ kurzen Aufenthalt im Paradies, sondern vor allem in ihrem Exerzitium der Erbsünde: das Stattgeben der Verführung zum Apfelbiss, das peinliche Bewusstsein der Nacktheit, der dann Gott trotz seines Zorns abhalf, indem er selbst Fell-Kleider zur Verfügung stellte und sie dem Ur-Paar sogar eigenhändig anzog[ii].

Und dann die „Verurteilung“ zur einer Arbeit, die oft auch von vielen, die nicht unbedingt einer „protestantischen Ethik“ sich verpflichtet fühlen, als durchaus sinnbringend und selbstverwirklichend empfunden wird!

So erscheint denn unser guter Apfel aus deutschen Landen alles andere als die Büchse der Pandora zu enthalten; Schon gleich werden sich die kräftigen und gut gepflegten Zähne unseres ländlichen Models lustvoll zubeißend in die rotbackige Frucht schlagen, das Lachen wird ihr auch nach dem Biss nicht nur nicht vergehen, sondern es wird anhalten, länger, als bis das Gehäuse verputzt ist.

Adam sei im Alter von 930 Jahren gestorben; am Rande des irdischen Paradieses, so erzählt uns die Legende.[iii]

Und wollten wir nicht schon immer ins irdische Paradies, ins Erdenreich und nicht ins Himmelreich[iv]?

 

[i] Florens Christian Rang, Historische Psychologie des Karnevals, Berlin 1983, S. 23

[ii] Gen 3, 21

[iii] Kurt Flasch, Eva und Adam – Wandlungen eines Mythos, München 2004, S. 95

[iv] Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra IV, KSA 4, S. 393