Transfiguratio bedeutet als die lateinische Übersetzung der griechischen metamorphosis ursprünglich „Verwandlung“ und hat im Christentum die verengende Bedeutung der „Verklärung“ Christi angenommen. Nach seinem Tode erschien Christus dreien seiner Jünger auf einem Berg und wird von einem überirdischen Licht „verklärt“: „Sein Antlitz strahlte wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“ ( Matthäus,17,1–8)

Dass Christus auch ein Gott der Wandlung und der Ver-Wandlung ist, zeigt sich nicht zuletzt an der „Transubstantion“ seines fleischlichen Körpers und seines Blutes in Brot und Wein, den die katholischen Christen in der Kommunion „verzehren“. Verwandlungen waren auch bei den antiken Göttern gang und gäbe, wie sie uns Ovid in seinen „Metamorphosen“ ausführlich dargestellt hat.

 

Die „Transfiguration“ Raffaels, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als das berühmteste Bild der Kunstgeschichte angesehen wurde, bringt uns direkt zur Meta-Struktur der christlichen Malerei seit dem Mittelalter und ihres „höchsten und dunkelsten Mysteriums“:

„Um welches Mysterium handelt es sich? Um das höchste und dunkelste Mysterium der christlichen Zivilisation, um das Mysterium des göttlichen Wortes, das Fleisch wird in der Person Jesu Christi. Kurz: um das Mysterium der Inkarnation.“ (Georges Didi-Huberman, Frau Angelico – Unähnlichkeit und Figuration, München 1995, S. 11)

Für Didi-Huberman führt die Inkarnation im christlichen Bild – jenseits von Bilderlosigkeit im Judentum und dem Idol (eidolon) der Antike – mitten „hinein in die schrecklichen oder herrlichen Regionen des Imaginären und des Phantasmas“. Deshalb entwickelt Didi-Huberman in seiner Untersuchung über die Malerei Frau Angelicos unter der leitenden Kategorie der „Unähnlichkeit“ (im Gegensatz zur herkömmlichen Charakteristik der „Ähnlichkeit“). Also keine „Figuration“, sondern eine „Transfiguration“, die über die „Figur“ hinausweist:

„Er (Fra Angelico) malte vor allem figurae im lateinischen und mittelalterlichen Sinn, d.h. theologisch gedachte pikturale Zeichen, die in den Körpern das Mysterium repräsentieren sollten, da über die Körper hinausweist, in den Geschichten das eschatologische Schicksal, das über die Geschichten hinausweist, und im vertrauten Sichtbaren das Übernatürliche, das über das Sichtbare hinausweist.“ Auch bei Raffael geht es trotz und gerade wegen des bei ihm voll realisierten Renaissance-Paradigmas um eine pikturale Transzendenz, hier in der „Transfiguration“ auch um eine theologisch fundierte Lichtmetaphysik. Nicht alle finden daran Gefallen. So notiert der späte Nietzsche eher spöttisch über das „heuchlerische“ Christentum, das man Raffael zuwies (womit er schon einer Kritik Ausdruck gab, die dann zum rapiden Absturz Raffaels im kunsthistorischen Ranking der beginnenden Moderne führen sollte)

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Nietzsche teilt das Bildgeschehen von Raffaels „Transfiguration“ in zwei Teile ein: die untere Hälfte mit dem besessenen Knaben und die obere „visionsgleiche ambrosianischen Scheinwelt“. In letzterer vollziehe sich „die Erlösung im Schein“, was Nietzsche als „Depotenzierung des Scheins zum Schein“ bezeichnet. (Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie 14, 4)

 Es gibt hier einen dreifachen Schein und eine dreifache Bedeutung. Nietzsche nennt die untere Hälfte des Gemäldes, die Welt von Verzweiflung, Angst und Schmerz, „Schein“, da durch die künstlerische Figuration der eigentlich nicht darstellbare „ewige Urschmerz“ in Erscheinung tritt, der allerdings dazu als „den ewigen Widerspruch, des Vaters der Dinge“, jene obere apollinische Scheinwelt der erlösenden Verklärung braucht, ohne die er gar nicht erscheinen könnte. Als dritter Schein fungiert eine Zwischenwelt, die von den drei hingestreckten „träumenden“ Aposteln gebildet wird, die einerseits die Vision des verklärten Christus haben und die andererseits gerade dadurch die untere Welt der Verzweiflung als Schein entlarven.

Nietzsches „Depotenzirens des Scheins zum Schein“ wird in der Darstellung der träumenden Apostel zum-Schein-Werden der sogenannten Tageswirklichkeit und zum Aufscheinen der verklärten Wirklichkeit als Traumbild. Dieses Träumen ist Transfiguration, ist Kunst. Im Träumenden stellt der Künstler in gewissem Sinn sich selbst dar.

 

In der Kunst wird der ideale Schein der schmerzhaften Urwirklichkeit zum realen Schein der Kunst depotenziert, d.h. „verklärt“.

Nietzsche hat in der „Morgenröthe“, die 1881, also knapp 10 Jahre nach der „Geburt der Tragödie“, in einem seiner Aphorismen seine Deutung der „Transfiguration“ erweitert: „Die rathlos Leidenden, die verworren Träumenden, die überirdisch Entzückten, – dies sind die Grade, in welche Raffael die Menschen eintheilt. So blicken wir nicht mehr in die Welt – und auch Raffael dürfte es jetzt nicht mehr: er würde eine neue Transfiguration mit Augen sehen.“ (Friedrich Nietzsche, Morgenröthe, KSA 3, 21)

Ich weiss zwar nicht, wie ein „heutiger Raffael“ eine „neue Transfiguration“ sehen würde, mir scheint aber gerade der Begriff der „Transfiguration“, also der Verwandlung oder Metamorphose eine recht gute Umschreibung meiner Kunst der Collage zu sein.