Seeya – see you – Wir sehen uns…

So beginnt meine Serie digitaler Collagen zum Thema der Vision des Sehers und Propheten mit dem Namen Johannes, die er um ca. 70 nach Christus auf der griechischen Insel Patmos aufgeschrieben hat. Das erste Wort seines Textes, griechisch „apokalypse“ heißt eigentlich „Enthüllung“ und hat seinem Text auch den Namen gegeben. Johannes wendet sich zuerst an die „sieben Gemeinden in Asia“, heute Türkei, von denen eine im Bild durch eine Kirche symbolisiert ist. Und das Comic-face sagt „Wir sehen uns“ und wir sehen auch einen Strichcode, der heute zum Scannen von Waren dient.

Johannes ist allerdings nur derjenige, der eine Sendung empfängt, durch die Vermittlung noch eines weiteren Zwischenträgers, nämlich eines Engels. Könnte das weibliche Gesicht rechts, unverkennbar aus einer der modischen Hochglanz-Fashion-Magazine entsprungen nicht ein moderner Engel, ein aktueller Bote sein?

Welche Botschaft überbringt er?

 

Ich sehe eine unregelmäßige hellblaue geometrische Form inmitten des Bildes, das Ende des 13. Jahrhunderts von einem niederländisch geschulten Künstler in Nordfrankreich entworfen und als Tapisserie in Paris realisiert wurde. Geometrische Formen als Kunst gibt es erst in der modernen abstrakten Malerei. Diese bedeuteten für viele abstrakte Maler quasi religiöse, ja mystische Inhalte. Insofern werden über die Jahrhunderte hinweg in einer völlig anderen Gestalt mit dieser Collage ähnliche Inhalte thematisiert.

 

Die Kraft der Vision ist nach Nietzsche auf den „apollinischen Rausch“ zurückzuführen (Götzendämmerung, Streifzüge 10), der vor allem das Auge errege. Deshalb seien Maler, Plastiker und Epiker Visionäre par excellence. Im Gegensatz dazu werden im dionysischen Zustand alle Mittel des Ausdrucks mit einem Mal entladen und somit „die Kraft des Darstellens, Nachbildens, Transfigurierens (Verklärens), Verwandelns und alle Art von Mimik und Schauspielerei herausgetrieben“. Nietzsches Resume des dionysischen (und des apollinischen) Zustands, das Wesentliche bleibe dabei die Leichtigkeit der Metamorphose, die Unfähigkeit, nicht zu reagieren, ist insofern für die Offenbarung des Johannes bemerkenswert, als uns nach der Eröffnungsvision ein gewaltiges kosmologisches Endzeit-Spektakel vorgeführt wird mit globalen Katastrophen, ohrenbetäubendem Posaunen-Schall, mit Gott-Vater persönlich und der Christus-Metamorphose, dem Lamm sowie mit merkwürdigen chimärischen Fabelwesen.

Zu dem in den „Geist“, in das „pneuma“, also in den Hauch geratenen Johannes auf Patmos spricht jemand mit einer „Stimme wie eine Posaune“ und sagt: „Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende…“(1,11). Dieser Jemand ist niemand anderer als Gott selbst, der sich mit der Formel „Ich bin der Erste und der Letzte“ vorstellt. Doch ist „Gott zwar nah, aber auch schwer zu fassen“, wie Hölderlin in seiner großen Hymne „Patmos“ sagt.

Der Seher sieht „jemanden, der einem Menschensohn gleicht mit Augen wie eine Feuerflamme, mit Füßen aus Erz und einer Stimme wie das Rauschen vieler Wasser.“(1,15).

Innerhalb von sieben Leuchtern und mit sieben Sternen in der Hand und einem „scharfen, zweischneidigen Schwert, das aus seinem Mund kommt“ verkörpert Gott als Christus, der tot war, das Leben „in Ewigkeit“.

Heribert Heere

KÜNSTLER