Gott

Christus 12, 2020, Acryl/Collage, 100 x 70 cm

 

Ich habe für meine Collage das Gemälde „Christus mit Dornenkrone“ von Frau Angelico aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verwendet. Er malte Jesus als theologisch gedachtes pikturales Zeichen, das in dem Corpus Christi das Mysterium repräsentieren sollte, das über den Körper hinausweist. Die christliche Ikone hat sich wunderbarerweise im Laufe der Geschichte zum modernen selbstreferenziellen autonomen Kunstwerk entwickelt, das das ehemals religiöse Versprechen auf Erlösung internalisiert hat und nun auf nichts mehr verweist als auf sich selbst.

Kunst als Chiffre der Selbsttranszendenz?

 

 

Christus 07, 2022, Acryl/Collage, 70 x 100 cm

 

Diese Collage zeigt das Bild eines jüngeren bärtigen Mannes. Wer nicht mit der Kunstgeschichte vertraut ist, würde nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennen, dass es sich bei meiner Bildquelle um den Typus des Christus als Weltenherrscher handelt, wie er in der byzantinischen Kunst üblich war (hier ein Mosaik aus dem 12. Jh. in der Hagia Sophia im damaligen Konstantinopel, heute Istanbul). Vor allem bei meinen Collagen mit christlichen Sujets ergibt sich eine Profanierung, die den ursprünglichen religiösen Gehalt transformiert, so dass er zwar immer noch vorhanden ist, aber in einem neuen anderen Zusammenhang erscheint. Damit wäre dieses Verfahren im Medium der Kunst vergleichbar etwa der Religionswissenschaft, der Kulturgeschichte und der Kulturphilosophie. Was in diesen Wissenschaften diskursiv ist, erscheint in der Kunst imaginativ mit all ihren Möglichkeiten ästhetischer Erfahrung.  Selbstverständlich empfindet der gläubige Christ niemals die Darstellung Gottes als Maske, sondern als Wahrheit; obwohl in den frühen Religionen, Mythen und Kulten bis hin zur Antike die Maske ein bevorzugtes Medium der Erscheinung der Götter war. Bekanntlich hat das frühe Christentum jahrhundertelang um die Darstellbarkeit Gottes gerungen, teilweise auch kriegerisch im oströmischen, byzantinischen Reich. Schließlich siegten die Bilderfreunde mit ihrem Konzept der Inkarnation, also der „fleischlichen“ Imaginierung eines an sich transzendenten göttlichen Körpers, ohne das die christliche Kunst des Abendlandes nicht denkbar wäre.

Die Maske selbst  war aber konstitutiv für das Problem der Darstellung Christi zumindest im frühen Christentum. So wurde tatsächlich diskutiert, ob nicht entsprechend der Zwei-Naturen-Lehre, nach der Christus gleichzeitig sterblicher Mensch und Gott ist[1], die menschliche Gestalt nicht so etwas wie eine Maske sei, hinter der sich der Gott verbirgt. „Der Denkansatz, dass Christus zwei niemals sonst vereinbare Naturen in sich getragen haben soll, wie der Schauspieler seine Maske trägt und in ihr eine Rolle darstellt, ist bereits erstaunlich genug in einem theologischen Diskurs.“[2] Obwohl „Christus ein Einziger war“ fährt Hans Belting fort, könnte man sagen, Christus trug „im Menschsein die Maske Gottes“. Deshalb sei seit dem 6. Jahrhundert die Idee der „authentischen Bilder“ aufgekommen oder der „Vera Ikon“, die auf einen Abdruck zurückgingen, wie ihn nur echte Körper auf einer Textilie hinterlassen können.[3] So entstand die bildnerische Tradition des sogenannten Mandylions, das eigentlich eine Maskendarstellung ist.

 

[1] Worüber im frühen Christentum erbittert gestritten wurde…

[2] Hans Belting, Das echte Bild, München 2005, S. 46

[3] Ob dieser Abdruck fiktiv oder real ist, muss hier nicht entschieden werden. Siehe zu dieser Thematik die Diskussionen um das sogenannte Turiner Grabtuch.