Heiliger Konsum

Heiliger Konsum

 

In diesem Themenschwerpunkt entsteht durch die Überlagerung von Bildern aktueller Werbung mit Motiven der religiösen Malerei des Mittelalters und der Renaissance wie auch des indischen Pop-Götterhimmels sowohl eine Interdependenz in Richtung von der Religion zur Werbung wie auch von der Werbung zur Religion. Dabei geht es mir nicht um bloße Konsumschelte und schon gar nicht um Religionskritik. Vielmehr intendiere ich das, was Michel Foucault die „nicht-positive Affirmation“ genannt hat[1]. Er charakterisiert damit George Batailles Kategorie der „Überschreitung“, die nichts Verneinendes, sondern etwas Bejahendes, eine Bejahung der Teilung, der Differenz hat.

Dass es substantielle Verwandtschaften zwischen der Sphäre der Religion und der des Kapitalismus gibt, zeigt Walter Benjamin in einem Fragment mit dem Titel „Kapitalismus als Religion“[2]. Das Christentum, so seine These, hat sich in den Kapitalismus umgewandelt, weil dieser schon immer „parasitär“ im Christentum eingelagert gewesen sei bzw. in interner Verbindung mit ihm stehe. Die Geschichte des Christentums sei die des Kapitalismus. Kapitalismus sei also nicht nur Gegenreligion, sondern befinde sich hinsichtlich Herkunft und Geltung in innerer Wahlverwandtschaft mit dem Christentum.[3]

Jean Baudrillard hat in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein metaphorisches Stichwort gegeben, das die Sphäre des Konsums in ein quasi religiöses Reich hob[4]: Was wir heute erleben, sei eine „weiße Messe“ ohne Kirche oder Heilsökonomie, aber mit der stets aufflackernden Hoffnung auf das magische Glück beim Kauf des nächsten begehrten Objekts. Die abgelegten vitalen Energien treten den arbeitenden Konsumenten im Warenhaus als ein ihnen Fremdes in Gestalt der tausendfältigen wunderbaren Warenwelt gegenüber, die ihnen letztlich genau jene Lebensfreude nimmt, die sie durch harte Arbeit und der dazu notwenigen Askese sich eigentlich „verdienen“ wollten. „Je weniger das Abgespaltene integriert und wieder im Verzehr inkarniert werden kann, umso mehr muss jedoch konsumiert werden.“[5] Die weiße Messe verweist auf den „verfemten Teil“[6], also auf jenes Abgespaltene, das als unheimlicher Widergänger einer Religion ohne Religion die weißen Messen des Konsumismus zelebriert.

 



[1] Michel Foucault, Vorrede zur Überschreitung, in: M.F., Schriften I, Frankfurt 2001, S. 326f

[2] Walter Benjamin, „Kapitalismus als Religion“, Ges. Schriften, Bd VI, Frankfurt 1985, S. 100-103

[3] Joachim von Soosten, Schwarzer Freitag: Die Diabolik der Erlösung und die Symbolik des Geldes, in: Dirk Baecker (Hg.), Kapitalismus als Religion, Berlin 2009, S. 123

[4] Jean Baudrillard, La societe de consommation, Paris 1974

[5] Gabriele Sorgo, Abendmahl in Teufels Küche,Wien-Graz-Klagenfurt 2006 , S. 23

[6] Georges Bataille, Der verfemte Teil, in: G.B., Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985

Heribert Heere

MALER  COLLAGIST  ESSAYIST