Kunst als Real-Utopie

 

Diese Präsenz des Kunstwerkes ist selbst Gegenwart par excellence, wohingegen jede Utopie – und jede Dystopie – in die Zukunft verweisen, allerdings in der Gegenwart abgehandelt werden. Andererseits ist der Arcadia-Komplex weniger als das „Goldene Zeitalter“ oder das „Paradies“ von chiliastischen und messianischen heilsgeschichtlichen Hoffnungen und Endzeit-Erwartungen geprägt, die dennoch alles andere als erledigt sind oder bloße esoterische Gespinste darstellen. Insbesondere der „Schönheitsmythos“ spielt hier eine gewichtige Rolle, da am Ende der geschichtlichen Entwicklung eine himmlische, friedliche, harmonische kurzum „neue schöne Menschheit“ steht, wie z.B. im „himmlischen Jerusalem“.

 

So ging man daran, die „Weltgeschichte als Heilsgeschichte" (Karl Löwith) massiv in die Tat, bzw. in Weltpolitik umzusetzen. Die Weltkriegs-Katastrophen und die „Segnungen“ des „realen Kommunismus“ sollten eigentlich ein für alle Mal jede Nachahmung dieser „politischen Theologie“ ausschließen. Am „Tag danach“, sprich nach der nuklearen Katastrophe, gibt es keine wunderbare Allerneuerung, wie uns die unzähligen großen und kleinen Apokalypse-Erzählungen in Film, Videospiel, Comics oder Büchern eindrucksvoll vorführen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Menschen, die sich nun zum „Anthropozän“ entwickelt hat, also zum Zeitalter des Menschen, sind die diversen Weltuntergangs-Szenarien nicht nur Produkte einer kollektiven Einbildungskraft.

Unter anderen Vorzeichen könnte allerdings das, was seit Neuerem unter dem Begriff  „Ende der Geschichte“ firmiert, ein solches Reich sein, in dem wir uns schon längst befinden und das durch einen entfesselten Konsumismus gekennzeichnet ist.

 

Peter Sloterdijk sieht schon im Glaspalast des 19. Jahrhundert ein Bild jenes „großen Interieurs“, jenes Treibhauses, in dem das soziale Leben der Menschheit „nach dem Ablauf der kombattanten Geschichte sich abspielen könnte“. „Sollen aber die historischen Kämpfe in den ewigen Frieden münden, wäre das gesamte soziale Leben in ein schützendes Gehäuse zu integrieren. Unter solchen Bedingungen könnten keine historischen Ereignisse mehr eintreten, allenfalls Haushaltsunfälle.“ Vielleicht gibt es auch einen Treibhauseffekt im „Weltinnenraum des Kapitals“ (Peter Sloterdijk), der die Temperatur unseres sozialen Reizklimas zusätzlich anheizt?

 

 

„Arcadia“ ist ein Sehnsuchtsort, ein wahrer U-Topos, ein Nicht-Ort, und hat wenig zu tun mit den großen politischen Utopien eines Platon, eines Joachim von Fiore, eines Thomas Morus und anderen. Erst heute, in Zeiten zunehmender ökologischer Katastrophen käme dieser kollektiven Phantasie-Idylle eine gewisse politische, allerdings wenig tröstliche Bedeutung zu. Täglich erreichen uns neue bedrückende Hiobsbotschaften.

In einer von Platon und Aristoteles bis Adorno reichenden Tradition ist die Kunst als eine Real-Utopie angesehen worden. Danach realisiere sie eine bessere Welt, aber nur als Schein. So verweist sie auf eine Utopie, in der der Schönheit ein führender Part zukommt, beispielhaft bei Schiller, der in seiner „idealistischen“ Ästhetik eine politische Utopie der Schönheit entwickelte.

Die Apokalyptik ist bis zum Beginn der Neuzeit noch einem finalen Heilsgeschehen, eben jenem, auch im biblischen Text schon recht diffusen „himmlischen Jerusalem“ verpflichtet, nachdem alle Antichristen im apokalyptischen Feuersturm zugrunde gegangen sind. 

Die Welt kann auf eine eindrucksvolle Liste ihrer eigenen Untergänge zurückblicken. Und auch in der Vorschau sind die diesbezüglichen Termine schon notiert, bis in die nächsten Dezennien hinein. Nicht nur den Künstler, der wie ich schon diverse Dezennien auf dem Puckel hat, juckt es da, auch sein apokalyptisches Werk in die riesige Liste der illustren Geister einzuschreiben, die die entsprechenden Visionen in Wort und Bild und – nicht zu vergessen – in Musik zu schönstem Ausdruck gebracht haben. Die Apokalypse lebt.

 

Dabei haben ihre Begriffsanfänge nichts „Apokalyptisches“, wenngleich sie durchaus der Dramatik nicht entbehren.

Apokalypto, ich entdecke, ich enthülle, ich offenbare die Sache, die ein Körperteil, der Kopf oder die Augen, sein kann, ein geheimer Teil, das Geschlecht, oder was auch immer da verborgen zu halten ist, ein Geheimnis, die zu verbergende Sache, eine Sache, die weder gezeigt noch gesagt, die vielleicht bedeutet wird, aber zunächst nicht dem Augenschein preisgegeben werden kann oder darf….Und das Bedeutsamste an all den biblischen Stellen, die ich wiederfinden konnte, scheint mir zu sein, dass die Geste des Entblößens oder Zeigens, die apokalyptische Bewegung hier bedenklicher, zuweilen schuldiger und gefährlicher ist als das, was daraus hervorgeht…(Jacques Derriada)

 

Derrida verweilt am Beginn seines Texts „Von einem neuerdings erhobenen apokalyptischen Tons in der Philosophie“, aus dem ich hier zitiere, ziemlich lang bei den diversen angesprochenen Bedeutungen des Wortes „apokalypto“ insbesondere im Alten Testament, um dann nach einigen ausführlichen Einlassungen zu Kant zur Jetztzeit zu kommen, die von einem „Ende ohne Ende“ gekennzeichnet sei. Dabei geht er von einem einflussreichen Programm des Abendlandes aus, das von den Diskursen über das Ende beherrscht wurde:

Ich sage Euch in Wahrheit, das ist nicht nur das Ende von diesem, sondern auch und zuerst von jenem, es ist das Ende der Geschichte, das Ende des Klassenkampfes, das Ende der Philosophie, der Tod Gottes, das Ende der Religionen, das Ende des Christentums und der Moral (was die größte Naivität war), das Ende des Subjekts, das Ende des Menschen, das Ende des Abendlandes, das Ende des Ödipus, das Ende der Welt, Apocalypse now,… und dann auch das Ende der Literatur, das Ende der Malerei, der Kunst als Sache der Vergangenheit, das Ende der Psychoanalyse, das Ende der Universität, das Ende des Phallogozentrismus und was weiß ich noch alles.

 

Derridas Text wurde zuerst 1983 veröffentlicht, als die neueste Stimmung im Westen noch eine ganz andere war. Das Ende des Vietnamkrieges lag erst acht Jahre zurück, das Ende der Studentenbewegung aber viel länger (spätestens 1969) und man rieb sich – immer noch verkatert – erstaunt die Augen „nach der Orgie“, wie Baudrillard in seiner Konstatierung der „Illusion des Endes“ bemerkte.

Ich begann 1973 nach den Jahren der „Revolte“ an der Münchener Kunstakademie ein Studium der Kunstgeschichte und Philosophie „weil ich mehr über Kunst wissen wollte“, mietete in Bochum, wo ich mein Studium 1979 abschloss, ein Atelier und begann dann, ernsthaft zu malen und zu collagieren, „nach der Illusion des Endes der Kunst“. Ich vermag allerdings die Umkehrung dieses Satzes, nämlich das „Ende der Illusion“ nicht für mich in Anspruch zu nehmen, ist doch die Kunst selbst in gewisser Weise eine Illusion.

Da ich meine Doktorarbeit über die "Schwarzen Bilder" von Ad Reinhardt schrieb, die natürlich von Malewitschs "Schwarzem Quadrat" nicht unbeeinflusst waren, bin ich vertraut mit dem Dogma, dies seien die "letzten Bilder", die man machen könne; ein Dogma, das nicht nur Reinhardt vertrat, sondern das praktisch alle minimalistischen Strömungen der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beherrschte (und nicht nur diese). Für mich als Künstler waren diese künstlerischen Endzeit-Strömungen allerdings nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Dies gilt natürlich nicht nur für meine Kunst, sondern markiert den Beginn der heute überbordenden globalen Kunstwelt. Diese Tendenz zu einem künstlerischen Neuanfang zeigt sich übrigens schon in Malewitschs figurativem Spätwerk, das in keiner Weise eine "stalinistische" Nostalgie darstellt, sondern den Aufbruch ins Neue markiert.

 

Weiterhin beinhaltete die Parole vom Ende der Malerei Ideen eines schon vom späten Nietzsche angedachten Ausstieg aus den traditionellen Kunstmedien hin zur Gestaltung der Realität, insbesondere der sozialen (und politischen), was sich dann, vor allem durch das Werk von Beuys, im weltweiten Siegeszug von Installation, Performance etc. niederschlug. Sollte diese Entgrenzung der  Kunst hin zum Leben ihre definitive Steigerung in den gar nicht mehr so utopischen Szenarien einer Künstlichen Intelligenz bis hin zur Schaffung eines neuen Menschen, eines neuen transhumanistischen "Reichs des Geistes" (Joachim von Fiore) finden?

Schon lange gibt es demgegenüber skeptische Stimmen. So spricht Freud in seinem späten, 1930 veröffentlichten Essay „Das Unbehagen in der Kultur“ trotz seines anfänglichen Fortschrittsoptimismus davon, dass der Mensch „eine Art Prothesengott“ geworden ist. Auch wenn seine „Gottähnlichkeit“ noch weiter gesteigert würde, „scheint es festzustehen, dass wir uns in unserer heutigen Kultur nicht wohlfühlen“, ja dieser sogar feindlich gegenüberstehen. Bekanntlich entwickelt Freud dort die These, dass die Kultur trotz ihrer Segnungen durch ein Anwachsen des Schuldgefühls, durch kulturell bedingten Triebverzicht, durch Triebentmischung und Entbindung innerer Destruktivität gekennzeichnet sei.

 

Nach der zentralen These Freuds liegt der Aggressionstrieb in einem ewigen Widerstreit mit dem Eros: „Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden himmlischen Mächte, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten.“ Hier stellt sich die Assoziation mit den großen mittelalterlichen Theaterspektakeln ein, den „geistlichen Spielen“, in denen Gott und Teufel um die Vorherrschaft ringen, natürlich mit dem letztlichen Sieg Gottes.

 

Angesichts der heutigen globalen Unkultur der Hater, Trolle, Wutbürger, Neorechten, Identitären etc. kann man sich des Eindrucks einer allgemeinen Entsublimierung nicht erwehren.

Allenthalben wird schon wieder von Kulturkämpfen gefaselt, wie bei den „Neuen Rechten“. Allerdings taucht dieser Begriff auch in einem seriösen kulturpolitischen Bestseller auf, Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Wie immer man diesen bewertet bzw. ob man ihn überhaupt akzeptiert: evident scheint zu sein, dass der Faktor Kultur heute im nationalen wie internationalen Maßstab massiv an Bedeutung gewonnen hat.

 

"Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind." meint Friedrich Nietzsche. Damit will er ausdrücken, dass der Motor der kulturellen Entwicklung nur durch Lügen, Illusionen, Projektionen, Hoffnungen warm, bzw. heiß läuft. Der schöne, aber auch der hässliche Schein wären also nicht nur ein trügerisches Gaukelspiel, das uns die Wahrheit, das Wesen der Welt verunklärt und uns in die Irre führt, sondern es verhält sich nach Nietzsche genau umgekehrt: Die wahre Welt sei die Illusion, wohingegen der Schein des Scheins, also der gestaltete Schein die Lebenswelt ausmacht. Und der beste Ausdruck des Scheins des Scheins sei die Kunst. Nur durch den Scheincharakter der Kunst wäre die tragische und manchmal schreckliche eigentliche Welt, die immer Chaos sei, überhaupt nur erträglich.

 

In diesem Zusammenhang spricht Nietzsche von einer "künstlerischen Theodizee". Mit dem Begriff der Theodizee bezeichnet man die Rechtfertigung der Existenz des Bösen durch einen als grundsätzlich gut geglaubten Gott, ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist. Die künstlerische Theodizee darf man, wie im Verlauf der Moderne geschehen, keinesfalls insofern missverstehen, als sei eine Kunst des schönen Scheins lediglich die Beweihräucherung der Übel und Missstände dieser Welt, die teilweise naturbedingt und teilweise – in immer größerem Umfang – hausgemacht sind. Ganz im Gegenteil, nach „dem Tod Gottes“, den Nietzsche zwar beklagt, aber für unabdingbar hält, könnte gerade eine Kunst der Verklärung eine andere, eine schönere Welt schaffen, allerdings nur als Kunst. Aber eben durch die Vorwegnahme dieser fabelhaften Utopien habe man überhaupt die Hoffnung einer besseren – und das heißt heute nicht mehr und nicht weniger – überlebensfähigen Welt.