Dionysos

 

Dionysos ist der Gott, der erscheint. Seine Ankunft, seine Parusie kann man in den verschiedensten Gestalten und Masken verfolgen. So ist sein Kultbild oft eine Maske, die an Bäumen aufgehängt wird; er taucht als ein hölzernes Gesicht aus dem Meer auf; er erscheint als junges Mädchen, als Stier, als Löwe, als Leopard…Doch wie soll man ihn erkennen, seine Masken durchschauen, sein wahres Wesen realisieren? Und wenn unter der Maske wieder eine Maske zum Vorschein kommt?

 

Dionysos ist ein Gott der Raserei, der „mania“, die epidemisch die Menschen befällt und in höchstem Masse ansteckend wirkt. Am bekanntesten sind die rasenden Mänaden, die in ihrer Ekstase in die wilde Natur ziehen, dort lebende Tiere – und sogar ihre eigenen Kinder – zerreißen und roh verschlingen.

Schreckliches widerfährt denjenigen, die ihn, den Vielgestaltigen, Proteushaften, Unfassbaren negieren, verleugnen, bekämpfen. Der erste auf der schwarzen Liste ist Lykurg, thrakischer König, „Fachmann auf dem Gebiet der Gottlosigkeit und jähzorniger Rohling“. Sein Kampf gegen Dionysos wird von diesem gegen ihn selbst gewendet: anstatt des dionysischen Rebstocks zerschmettert er seinen eigenen Sohn und wird schließlich in einer fernen wüsten Gebirgsgegend von wilden Pferden in Stücke gerissen. Ein weiterer seiner Rachefeldzüge ist durch Euripides in den „Bacchen“ unsterblich geworden:

„In Theben werden, von Kadmos (dem früheren König) bis hin zu Agaue, Befleckung und Vertreibung…in blutigen Lettern geschrieben. Theben, dessen Fluren Dionysos’ Geburt erleben, fühlt sich völlig frei, den Gott nicht zu erkennen…er trägt in seiner Heimatstadt die Maske des Fremden. Die königliche Familie in Theben, blind gegenüber dem Erweis seiner göttlichen Natur, „soll wohl spüren, dass sie noch nicht geweiht zu meinem Festesrausch“…Der Mord an Pentheus (dem König in den Bacchen), die Befleckung der Agaue, die Verbannung des Kadmos – all dies sind flammende und beispielhafte Zeichen von Gewalt, die in unvergesslicher Weise von seiner Göttlichkeit…seiner dionysischen Parusie…künden.“[1]

 

Dionysos ist „der kommende Gott“:

 

"Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann.

Drum! Und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,

Wenn er in heiliger Nacht plötzlich die Sänger ergreift.

Drum an den Isthmos komm! Dorthin wo das offene Meer rauscht

Am Parnass und der Schnee delphische Felsen umglänzt.

Dort ins Land des Olymps, dort auf die Höhe Kithärons,

Unter die Fichten dort, unter die Trauben, von wo

Thebe drunten und Ismenos rauscht im Lande des Kadmos,

Dort kommt und zurück deutet der kommende Gott."[2]

 

Damit hat Friedrich Hölderlin in seiner großen Elegie „Brod und Wein“ die Ankunft des Dionysos angedeutet, „ein Ereignis, mit dem“ nach den Worten von Manfred Frank „in einer realen Zukunft zu rechnen ist“[3]. In der ersten seiner „Vorlesungen zur Neuen Mythologie“ stellt Frank die allmähliche Verdrängung der olympischen griechischen Religion durch die Dionysos-Religion fest:

 

„Dionysos wurde der „oberste der Götter“, und auf verschlungenen Wegen sollten einige griechsche Gemeinden im göttlichen Kind der Krippe zu Bethlehem den vergeistigten Dionysos ihres Mythos wiedererkennen.“[4]

 

Der „Gesammtcharakter der Welt“ ist laut Nietzsche Chaos“[5]. Dies bedeutet nicht, dass die Welt komplett unorganisiert ist, „die Welt kann als vollständig ordnungslos und zugleich als hochgradig organisiert gedacht werden“[6]. Zarathustra als ein weiterer Protagonist von Nietzsches avisierter neuer Dionysos-Religion fordert geradezu: „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“[7].

Peter Sloterdijk hat diesem Nietzsche-Spruch eine Studie gewidmet. In ihr stellt er zuerst fest, dass in der Moderne „die Welt Versuch geworden ist. Wer nicht versucht hat, wird nicht zur Welt gekommen sein“[8]. Das heißt aber auch: Wer sich Versuchungen nicht ausgesetzt hat, wird nicht zur Welt kommen. Nietzsche denke das Chaos erstmals als einen Rest, als eine Ressource an „erhabenem Chaos“, an „Ungeheurem“, dessen Verhältnis zum Menschen der (der moderne) Künstler reklamiere.

 

[1] Marcel Detienne, Dionysos, München 1995, S. 52

[2] Friedrich Hölderlin, Brot und Wein, in: F.H., Die Gedichte, Frankfurt 1999, S. 287

[3] Manfred Frank, Der kommende Gott – Vorlesungen über die Neue Mythologie, Frankfurt 1982, S. 13

[4] Ibid., S. 12

[5] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 119

[6] Günter Abel, Nietzsche, Berlin 1998, S. 441

[7] Nietzsche, Zarathustra I, Vorrede 5

[8] Peter Sloterdijk, Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, in: P.S., Der ästhetische Imperativ, Hamburg 2007, S. 400 ff

 

Druckversion | Sitemap
© heereart