Tod des Narziss, 2017, Acryl/Collage auf Dibond, 70 x 105 cm

 

Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild.

Ovid

Einer, dem die Schönheitssuche nicht gut bekommen ist, dessen Geschichte aber seit 2000 Jahren die kreative Einbildungskraft anregt, ist Narziss. Wie uns Ovid in seinen Metamorphosen berichtet, verweigerte er sich jeglicher Kommunikation und vertiefte sich so intensiv in sein Spiegelbild „auf silberglänzendem Wasser eines klaren Quells“, dass er schließlich daran zugrunde geht, nicht ohne einer bestimmten Sorte Frühlingsblumen, die wir sehr schätzen, seinen Namen zu hinterlassen. Nur die Nymphe Echo durfte sich ihm zu Lebzeiten nähern. Allerdings konnte sie keinen Dialog führen, sondern musste immer die letzten Worte der Sätze, die Narziss sprach, wiederholen.

Toskana 05, 2009, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm

 

„Er weiß nicht, was er sieht; doch was er sieht, setzt ihn in Flammen. Und seine Augen reizt dasselbe Trugbild, das sie täuscht. Leichtgläubiger! Was greifst du vergeblich nach dem flüchtigen Bild! Was du erstrebst, ist nirgends; was du liebst, wirst du verlieren, sobald du dich abwendest. Was du siehst, ist nur Schatten, nur Spiegelbild.“[1]

 

Ovid spricht hier an, was als allgemeinste Bestimmung des Bildes gelten kann, etwas erscheinen zu lassen, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Trotz seiner permanenten introspektiven Grübelei erkennt Narziss nicht, dass das erotisch faszinierende Bild sein eigenes Abbild ist.

 

[1] Ovid, Metamorphosen, III 430-436

Zeit-Raum-Spiel 01, 2008, Fine Art Print auf Dibond. 100 x 75 cm

 

Als prominentester Vertreter des spätantiken Platonismus, der auch eine Quelle der Hermetik sowie der Gnosis ist, darf Plotin gelten, der an einer zentralen Stelle seiner bekanntesten Schrift „Über das Schöne“ sich, wenn auch ohne ihn beim Namen zu nennen, auf Narziss bezieht.

„So mache sich denn auf und folge ihr ins Innere wers vermag, und lasse das mit Augen Gesehene draußen und drehe sich nicht um nach der Pracht der Leiber wie einst. Denn wenn man Schönheit an Leibern erblickt, so darf man ja nicht sich ihr nähern, man muss erkennen, dass sie nur ein Abbild, Abdruck, Schatten ist, und fliehen zu jenem, von dem sie das Abbild ist. Denn wenn einer zu ihr eilen wollte und sie ergreifen als sei sie ein Wirkliches, so geht es ihm wie jenem – irgendeine Sage, dünkt mich, deutet es geheimnisvoll an: der wollte ein schönes Abbild, das auf dem Wasser schwebte, greifen, stürzte aber in die Tiefe der Flut und ward nicht mehr gesehen: ganz ebenso wird auch, wer sich an die schönen Leiber klammert und nicht von ihnen lässt, hinabsinken, nicht leiblich, aber mit der Seele in dunkle Tiefen, die dem Geiste zuwider sind; so bleibt er als Blinder im Hades und lebt schon hier wie einst dort nur mit Schatten zusammen.“[1]

 

[1] Plotin, Das Schöne, 37-38