Neue Archäologien: Dekonstruktion 

 

Das Durchwandern der Säle der großen Museen früherer Kunst war und ist für mich nicht nur ein Genuß, sondern vor allem Anlass zu ersten Ideen eigener Projekte.

So besuchte ich einmal die Londoner National Gallery an drei Tagen hintereinander, nur um mir vor fast jedem Meisterwerk seit dem Mittelalter bis zum Rokoko vorzustellen, wie ich es paraphrasierend collagieren oder malen würde. Seit man in fast allen Museen fotografieren darf, kann dieser Traum fast realisiert werden. Während ich vor einigen Jahren wieder einmal einen ganzen Tag in der Accademia-Galerie in Venedig verbrachte, um wie in Trance Detailaufnahmen von dortigen Werken zu schießen, kam ich mir vor, als hätte ich einen zuvor nie entdeckten Schatz geborgen. 

Damit ist ein großer Unterschied zur „Kunstgeschichte“ gegeben. Waren noch bis zu Künstlern des 19. Jahrhunderts die großen Vorbilder der Renaissance und des Barock mehr oder weniger maßgebend (wie etwa für Manet) und damit letztlich eine metaphysische Welt, so werden diese in der damals beginnenden Moderne verworfen, radikal umgestaltet oder man bricht in gänzlich neue Kunstwelten auf, wie in der abstrakten Kunst. Seitdem haftet allen künstlerischen Bemühungen, sich auf klassische Werke zu beziehen, das Odium einer retrospektiven Nostalgie an, so wollte man wieder Standards der früheren Kunst etablieren – im Gegensatz zum modernen vorgeblichen „Verlust der Mitte“. Das mag für einzelne Künstler und Kunstrichtungen gelten, z.B. für Teile des „sozialistischen Realismus“, doch auch solche Retro- und Antibewegungen gehören zur Moderne, aus der wir schon längst nicht mehr aussteigen können.

Demgegenüber gibt es bereits in der klassischen Moderne einen neuartigen Gebrauch klassischer Vorbilder, etwa bei de Chirico. der nicht mehr auf eine vermeintliche Restaurierung der Welt der klassischen Kunstgeschichte zielte, sondern auf deren Dekonstruktion. Bei diese Lesart, nach der die Klassik-Adaptionen des späten de Chirico als Vorläufer von Pop- und Konzept-Kunst gelten, muss man übrigens seine späten Schriften sozusagen gegen den Strich lese.

Die künstlerische Dekonstruktion klassischer Werke ist im Gegensatz zur Kunst-Geschichte den „Neuen Archäologien“ verpflichtet.

Essayistischer Kristallisationspunkt von Freuds „Archäologie der Seele“ ist seine berühmte Schrift „Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“ von 1907, überhaupt sein erster längerer Essay über Kunst und Kultur. In den archäologischen Forschungen und Ausgrabungen seiner Zeit, insbesondere in Pompeji, sah Freud eine Analogie zum Verfahren der Psychoanalyse, „die Aufmerksamkeit des Kranken vom Symptom aus auf die Szene zurückzuleiten, in welcher und durch welche das Symptom entstanden ist“. In Pompeji faszinierten ihn die Verschüttung durch die Lavamassen und deren schrittweise Ausgrabung, worin er in der Individualpsyche die Verschüttung durch die Verdrängung und deren Ausgrabung durch die Analyse sah.

In seinem Essay bezieht sich Freud auf eine Novelle des heute unbekannten, damals aber populären Autors Wilhelm Jensen mit dem Titel „Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück“ von 1903, in dem ein etwas versponnener junger Archäologe aufgrund eines antiken Reliefs, das eine schreitende junge Frau darstellt, eine obsessionnelle Suche in Pompeji nach dieser Frau beginnt, die er bei dem Vesuvausbruch 79 n. Chr. verschüttet wähnt. Bei seinen tagträumerischen Streifzügen durch Pompeji glaubt er diese junge Frau immer wieder lebendig vor sich zu sehen, die sich dann endlich als seine Gespielin aus Kindertagen zu erkennen gibt. Diese ist inzwischen herangewachsen und hat subtil die Liebe, die unser Archäologe in seinem Wahn nur auf Steine projizierte, auf ihre Person, also auf das wirkliche Leben gelenkt.

In meiner Collagen-Serie "Alice" habe ich Goyas legendäre „Caprichos“ mit Original-Illustrationen von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ kombiniert. Dieses „Wechselspiel von Sinn und Unsinn, von Chaos und Kosmos“ verkörpert der Begriff des Capriccios hervorragend. Dabei ist das Capriccio keine Kategorie der Moderne. Bedeutete es ursprünglich „Laune“ oder „Schrulle“, so gewinnt es schon in der Renaissance den Charakter des bewußten und lustvollen Regelverstoßes.

 

Dieser archäologische Wahn scheint auch Freud selbst nicht fremd gewesen zu sein. Rom und Italien waren für ihn geradezu ein Suchtmittel, wo er auf diversen Reisen – stets gut vorbereitet durch den Baedeker – seinem Zwang zur Antike frönte. Sein Durst nach Vergangenheit war frei von Melancholie über das unwiederbringlich Vergangene.

Die Trauer über die Vergänglichkeit der großen Werke hält sich auch heute eher in Grenzen, ist doch das kulturelle Erbe ein hoher und vor allem für den Staat recht teurer Wert, der sich die Erinnerungskultur einiges kosten lässt. Wir kultivieren die wertvollen Dinge der Vergangenheit aus Kunst und Kultur, seien sie nun ruinös oder nicht, mit einer solchen Perfektion, dass man schon von einer „Welt als Museum“ sprach, die mit Hilfe der modernen Reproduktions- und Simulationstechniken ein gewaltiges „Imaginäres Museum“ bildet.

 

Gegenüber dieser Musealisierung der Welt sind wir dann nicht mehr so glücklich, ja, unsere sanfte Melancholie verwandelt sich in Angst und pures Entsetzen, wie es im Film „Nachts im Museum“ recht witzig zum Ausdruck kommt, wenn Urviecher, Kriegsherren, Seefahrer, und Steinzeitmenschen plötzlich zum Leben erwachen und die Museumswelt unsicher machen.

 

Diese (neue) Archäologie sucht nicht nach dem Alten, sondern nach dem heute noch Wirksamen. Weil der Archäologe nach den Codierungen wirksamer, unvergangener Vergangenheiten sucht, laboriert er merkwürdigerweise näher – aber eben nicht zeitlich näher – an der Gegenwart als der Historiker. Der Archäologe arbeitet räumlich näher an einer Gegenwart, deren konstituierende Kräfte er sucht, er beschäftigt sich mit dem, was räumlich hinter oder unter der Zeit liegt, seine Bewegung ist ein „Hinter-die-Zeit-Zurückgehen“. Er erforscht also gewissermaßen den Zugang oder den Grund der Gegenwart und untersucht, mit einer Formulierung Foucaults, „den Boden, aus dem wir stammen“. Dieser Boden muss aber nicht der älteste sein.

 

Knut Ebeling, Wilde Archäologien