"Sobald die Götter einen eigenen Körper annehmen, pflegen sie diesen, und sie finden ihr Ergötzen daran…Diana spielt wie die anderen Göttinnen ihre Rolle als Frau vollkommen aus. Diana wäscht sich wie die anderen Göttinnen. Doch hat man niemals vernommen, dass Diana die Tiere, die sie erlegt, auch verspreise. Sie ernährt mit ihrem Wildbret die Zyklopen…Wer sind nun diese einäugigen Ungeheuer…? Mindere, weil dem Fleiß und der Arbeit unterworfene, der spielerischen und ewig lächelnden Existenz der Götter dienstbare Energien."   Pierre Klossowski

 

"Das Bad der Diana"; so heißt ein langer Essay des französischen Schriftstellers, Philosophen und Zeichners Pierre Klossowski.. Der zugrundeliegende Mythos ist folgender: Der Jäger Aktaion überrascht Artemis (Diana) nackt beim Baden in den Wäldern, wird daraufhin von der Göttin zur Strafe in einen Hirsch verwandelt und von der eigenen Hundemeute zerrissen.

Einer weiteren Sage zufolge begannen seine Hunde danach, umherzuirren, um ihren Herrn zu suchen. Sie beruhigten sich erst, als sie ihn in der Statue, die man auf Rat des Kentauren auf einem Felsen errichtet hatte, wiedererkannten. Das sicherlich hölzerne Abbild des Aktaion scheint also soviel Wiedererkennungs-Magie gehabt zu haben, dass selbst die Hunde davon beeindruckt waren. Hier vermengt sich die Sage von Aktaion, dem Jäger, mit der von einem anderen Aktaion, einem Felsengott oder -Dämon. Dieser Dämon soll sich erst beruhigt zu haben, als man ihm ein Standbild errichtet hatte, um ihn an sein Bild zu binden.

Klossowskis Essay ist weder in einer erzählerischen noch in wissenschaftlichen Diktion abgefasst, also in Form eines Diskurses über ein auf uns aus einer längst vergangenen Periode gekommenes Objekt, sondern sozusagen innerhalb des Mythos, so als sei der Mythos ein zeitlich nicht zuzuordnendes Geschehen. Er spricht von "glanzumflossenen Emotionen", von "einem hellen Stern, der in uns aufblitzt", vom "Licht für immer verschwundener Sternbilder in der großen Sternennacht, die wir in unserem Herzen tragen". Er lässt diese "Visionen einer vergangenen Menschheit selbst sprechen" und tut dies "mit den Mitteln der lebenden Sprache. Trotzdem schleichen sich dabei, wie er sagt, "Silben der toten Sprachen ein, Wortgespenster von der Transparenz der Flamme am hellen Mittag und des Mondes im Blau der Nacht".

 

Ich begreife den antiken Mythos dar Diana im Bad als Reinigung von der Berührung mit den irdischen Bedürfnissen und deren Nützlichkeit. Erst im Gewässer findet die Göttin das Prinzip ihrer nutzlosen Heiterkeit wieder. Diese reale Illusion der göttlichen Inkarnation wird für Aktaion zum Motiv seiner Vernichtung. Er begreift nicht, dass die Nacktheit der Diana nur eine Gaukelspiel, ein Trugbild – oder genauer gesagt – ein Simulakrum ihrer Inkarnation, ihrer fleischlichen Existenz ist.

Doch - ach - dieses schöne Gaukelspiel der Nacktheiten gehört einer fernen, vormodernen Zeit an.