Diana und Aktaion

Diana und Aktaion 01, 2020, Acryl/Collage, 70 x 100 cm

 

"Das Bad der Diana"; so heißt ein langer Essay des französischen Schriftstellers, Philosophen und Zeichners Pierre Klossowski. Der zugrundeliegende Mythos ist folgender: Der Jäger Aktaion überrascht Artemis (Diana) nackt beim Baden in den Wäldern, wird daraufhin von der Göttin zur Strafe in einen Hirsch verwandelt und von der eigenen Hundemeute zerrissen. Einer weiteren Sage zufolge begannen seine Hunde danach, umherzuirren, um ihren Herrn zu suchen. Sie beruhigten sich erst, als sie ihn in einer Statue, die man auf Rat des Kentauren auf einem Felsen errichtet hatte, wiedererkannten. Abbild des Aktaion scheint so viel Wiedererkennungs-Magie gehabt zu haben, dass selbst die Hunde davon beeindruckt waren. Hier vermengt sich die Sage von Aktaion, dem Jäger, mit der von einem anderen Aktaion, einem Felsengott oder -Dämon. Dieser Dämon soll sich erst beruhigt zu haben, als man ihm ein Standbild errichtet hatte, um ihn an sein Bild zu binden.

Klossowskis spricht von "glanzumflossenen Emotionen", von "einem hellen Stern, der in uns aufblitzt", vom "Licht für immer verschwundener Sternbilder in der großen Sternennacht, die wir in unserem Herzen tragen". Er lässt diese "Visionen einer vergangenen Menschheit selbst sprechen" und tut dies "mit den Mitteln der lebenden Sprache. Trotzdem schleichen sich dabei, wie er sagt, "Silben der toten Sprachen ein, Wortgespenster von der Transparenz der Flamme am hellen Mittag und des Mondes im Blau der Nacht".

 

Tod des Aktaion, 2020, Acryl/Collage, 70 x 100 cm

 

"Sollen wir die Theologen fragen, ob es unter all den Theophanien, die jemals stattgefunden haben, eine gibt, die verwirrender wäre als jene, in der sich die Gottheit den Menschen mit den Reizen der lichtumflossenen und todbringenden Jungfrau darbietet und wieder entzieht? Oder wäre es eher Sache der Magier, der Astrologen, der Hebammen oder, noch besser, erleuchteter Jagdkundiger, um ihre so verschieden gearteten Embleme zu interpretieren: Bogen, Mond, Hunde, Fackeln, Hirsche, Gewänder schwangerer Frauen, Jagdspieße, Blüten heiliger Bäume. Könnten sie uns wohl sagen, ob die Auslegung so vieler Zeichen, bevor sie in gewisse Praktiken ausartet, es ermöglichen würde, die Theophanie in ihren widersprüchliche Attributen zu erfassen: Jungfräulichkeit und Tod, Nacht und Liebe, Keuschheit und Verführung. Der Boden der Jungfrau warnt uns, indem er die unaufhörliche Bewegung zwischen den niedersten Regionen, zu denen wir hinabzusteigen neigen, und den höchsten, denen wir zustreben, regelt, von den niedersten, in denen sie als besitzbare herrscht, ebenso, wie ihre Mondsichel uns beim Aufstieg in die höchsten leitet, wo sie als nicht in Besitzgenommene wohnt."

(Pierre Klossowski, Das Bad der Diana, Hamburg 1970, S. 9f)

 

Diana und Aktaion 03, 2020, Acryl/Collage, 48 x 33 cm

 

"Das Bad, das die Jagd der Artemis beschließt, ist der grausamste Augenblick unseres Lebens: die Erquickung, die wir in den Armen der Gottheit zu genießen hofften, ist uns verwehrt: und wenn sie jetzt auf ihrer Unberührbarkeit beharrt, so nur, um uns desto leichter von der theophanischen Wirklichkeit ihrer Wangen, ihrer Brüste und ihrer Schenkel zu überzeugen, die sie dem Tod unserer Sinne entleiht...“

Meint Klossowski damit, dass wir das Sinnlichste nur durch die Negation, durch den Tod der Sinnlichkeit erfahren können? Oder geht es um ein Gaukelspiel unserer Sinne, die uns den beinahe virtuellen Körper der Göttin vorspiegeln, solange bis sie erschöpft, ausgelaugt, abgestorben sind ?

So fragt Klossowski:

"Hatte Aktaion genug von der Jagd? Ahnte er einen tieferen Sinn ihrer Nutzlosigkeit? Mit einem Wort: die Beute um des Schattens willen fahren lassen - war das nicht das Geheimnis aller Jäger, sobald nämlich die irdischen Güter zum Schatten der künftigen Güter werden?"

Ein erster Tiefenzug dieser Fabel wird deutlich: Im Bilde der verführerisch aufreizend nackten Göttin und im Begehren kommt ein Drittes ins Spiel: das ekstatische Sehnen, sich mit dem Göttlichen zu vereinen.

 

Diana und Callisto 02, 2020, Acryl/Collage, 50 x 70 cm

 

Doch jagt Diana wirklich? Was geschieht mit dem erlegten Wild, denn "niemals hat man vernommen, dass Diana die Tiere, die sie erlegt, auch wirklich verspeist"? Wir sollen also einerseits den schönen sinnlichen Schein der Göttin ernstnehmen, aber von der Wirklichkeit körperlicher Bedürfnisse Abstand nehmen? Nur die Kyklopen, jene ungeschlachten Riesen, sollen sich vom Wildbret der Diana ernährt haben.

"Diana reinigt sich von dem vergossenen Blut , von der Berührung mit den blinden Energien, von der Berührung mit den irdischen Bedürfnissen: sie reinigt sich von einer nützlichen Tätigkeit: sie findet im Gewässer ihr Prinzip der nützlichen Heiterkeit wieder."

 

Diana und Aktaion 02, 2020, Acryl/Collage, 48 x 33 cm

 

In seinem großen Essay über Giordano Bruno unternimmt der Lyriker und Schriftsteller Jochen Winter nichts Geringeres als darzulegen, dass die Philosophie von Giordano Bruno „eine nachneuzeitliche Schöpfungsidee für das Abendland aus dessen eigenen Quellen beinhaltet“.

(Jochen Winter, Giordano Bruno, Eine Einführung, Düsseldorf 1999, S. 125)

Eines der letzten Kapitel überschreibt Winter mit „Die Vernichtung der Person“. Darin nimmt er ausführlich Bezug zu Brunos Sonett „Aktaion“ in dessen Dialog „Heroische Leidenschaften“.

 

„In die Wälder entkoppelt die Fleischer- und die Windhunde

Der junge Aktaion, als das Schicksal

Ihn auf den ungewissen und unbedachten Weg lenkt,

auf der Spur nach wilden Waldtieren.

Und siehe da: mitten im Wasser  den schönsten Busen und

(das schönste) Antlitz,

die ein Sterblicher oder ein Gott je sehen kann,

in Purpurfarbe und Alabaster und feinem Gold

erblickte er, und der große Jäger wurde zur Jagd(beute).

Den Hirsch, der zu dichter bewachsenen

Orten die leichteren Tritte lenkte,

zerrissen rasch seine eigenen großen Hunde, viele an der Zahl.

Ich weite meine Gedanken

Auf hohe Beute aus, und sie, auf mich zurückgewendet,

geben mir den Tod mit rohen und wilden Bissen.“

(Giordano Bruno, Aktaion)

 

Hier geht es um den Eros-Gedanken, um den „Übergang von nur sinnlicher Hingabe zur Metaphysik der Leidenschaft, die als Einheitsschau jene höchste Ekstasis verspricht, durch welche der Liebende in den Gegenstand seiner Sehnsucht verwandelt wird“

(Jochen Winter, Giordano Bruno, S. 98f)

 

Damit bezieht sich Bruno auf den Neoplatoniker Marsilio Ficino (1433 – 99). „Heros“ und „Eros“ gehören für die Neoplatoniker zusammen, da der Heros derjenige ist, der mit Mut, Entschlossenheit und Leidenschaft nach der Erkenntnis strebt.

 

Diana und Callisto 05, 2020, Acryl/Collage, 33 x 48 cm

 

Bei Bruno ist der Heros ganz im Sinne Platons „ein nach dem Wahren Jagender“, der eindrücklich im Bilde von Aktaion festgehalten wird, dessen „alle geistigen Tätigkeiten leitender Impetus einem extrem geschärften Bewusstsein entstammt, das den göttlichen Augenblick nicht am übersinnlichen Ort erfährt, sondern im Kontext der Zeitlichkeit, den der Dialog selbst vorgibt“

(a.a.O. S. 99) Der Liebende muss mit dem Gegenstand seiner Liebe, der höchsten Erkenntnis, eins werden. Um das zu erreichen, muss der Heros buchstäblich außer sich geraten, was Bruno als „Furor“ bezeichnet. Er unterscheidet dabei zwei Formen: „Die passive Form charakterisiert die auserwählten, von höherer Macht ergriffenen Menschen, die Offenbarungen verkünden, die sie nicht wirklich begreifen. Dazu gehören die Propheten und religiös Inspirierten. Die aktive aber eignet den wahren Heroen, die nicht bloß Gefäße für das Heilige sind; sie wissen, dass das Heilige ihnen seit jeher innewohnt, dass sie selbst göttlichen Geist besitzen... Der Held oder schöpferische Künstler ist ein Wesen von universeller Energie, von der sich seine Leidenschaft nährt... Er verwirklicht seine Dignität, indem er das erhabene 

Ziel zuerst in sich erkennt und demgemäß handelt. Gerade hierdurch prägt er das neuzeitliche Bewusstsein: Der Mensch definiert und konstituiert sich aufgrund des immensen Vermögens, die Welt in ihrer Essenz zu schauen. Damit entwirft er das Leitbild seiner selbst, das kein jenseitiger Gott ihm absprechen kann... Dem Heros gebührt die eigentliche Bewunderung, denn er eröffnet den Zugang zu einem nun revolutionierten Kosmos, der nicht minderer Abglanz Gottes ist, sondern lichter Überfluss an Sein.“

(a.a.O. S. 102f)

Brunos letzter Schritt der Vernichtung und Wiederauferstehung des Heros hebt die Dualität von Liebendem und Geliebten endgültig auf.

„Das mythische Geschehen , der Tod des Aktaion, zeigt die Transformation des Jagenden in das Gejagte. Der Akt des Sehens bleibt dabei zentral: Aktaion sieht Diana, das ist die Natur, Widerschein der selbst unsichtbaren ersten Ursache, die mit Apoll gleichgesetzt wird.“ (S. 104). Schon als er den Wald durchstreifte, war Aktaion kein gewöhnlicher Jäger mehr, er ist bereits auf das Göttliche fixiert.

Bruno sagt: „Sehr selten sind die Aktaions, denen es vom Schicksal gegeben ist, Diana nackt zu schauen“

(Jochen Winter, a.a.O. S. 105).

Der Jäger repräsentiert die Vernunft, die angesichts der irdischen und überirdischen Schönheit verstummt. Um der Totalität der Göttin und es Göttlichen ganz inne zu werden, muss Aktaion sich dieses einverleiben, muss sich vom Anderen verzehren lassen[HH1] . Aus dem Jäger wird die Beute.

Bruno kommt nun zu einer letzten mystischen Deutung.  In Anspielung auf das Hohelied Salomons wird der Liebestod zum Symbol der Vereinigung mit dem Göttlichen, bedeutet höchste geistige Lust, letzter Aufschwung aus der Mannigfaltigkeit  oder aus dem Diskontinuierlichen (Bataille) und Verschmelzung mit dem Einen, dem Kontinuierlichen.

So verstärken die unbarmherzigen Bisse der Hunde den Schmerz des Heros, der ausschließlich Wunde sein will, um sich der Gottheit ganz zu offenbaren, um der geistigen Schönheit für immer teilhaftig zu sein[.

 

Brunos transformierter Aktaion stellt das Paradigma des „universellen Menschen“ dar. (Man fühlt sich dabei an einen von jeglichem Barbarischen gereinigten „Übermenschen“ erinnert.) In solch sublimen Zustand ist der Held erlöst „aus dem Fleischkerker der Materie, so dass er seinen Diana nicht mehr gleichsam durch Ritzen und Fenster, sondern unmittelbar schauen kann, ganz Auge geworden... Er schaut den Urquell aller Zahlen, aller Arten, aller Begriffe, welche die Monade, die wahre Wesenheit des Seins aller Dinge ist.

 „Und wenn er sie (die absolute Wesenheit) nicht im absoluten Licht sieht, so doch in seiner Entstehung das Bild, das ihr ähnlich ist. Denn von der Monade, welche die Gottheit ist, geht diese Monade aus, welche die Natur, das Universum, die Welt ist, worin, wie im Monde die Sonne, jene sich betrachtet und spiegelt.“

(Jochen Winter, a.a.O. S108)

Dieses Sehen der Einheit löst die Zeitlichkeit zugunsten der Unzeitlichkeit auf. In Zusammenhang mit Bruno sei hier nur soviel gesagt, dass der brunosche Heros, der sich mit Körper, Gefühl und Geist der Einheit hingibt, im Nu die Ewigkeit kontrahiert.

Ein einziger Augenblick war der Anfang  und die Vollendung des Sieges – des Sieges der Liebe, die den Helden blitzartig auflöste und ins Gesuchte katapultierte. Diesen Augenblick erlebt er nun als „Ewige Gegenwart“.

Brunos Spruch „Vicit instans“ ist nun nicht mehr geschieden vom mystischen „Nunc stans “.

 

Diana und Callisto 04, 2020, Acryl/Collage, 48 x 33 cm

 

In Fortführung seiner Idee, der Dämon sei nicht der böse Gegensatz, sondern das Selbe, das exakt Ähnelnde entwickelt Michel Foucault eine These des Doppelgängers, insbesondere in Bezug auf das Simulacrum des Teufels: Gott erscheint als Teufel und vice versa. „In diesem etwas dunklen und verhangenen Antlitz der christlichen Erfahrung entdeckt Klossowski plötzlich ( als ob sie deren Doppelgänger, vielleicht deren Simulacrum wäre) die strahlende Theophanie der griechischen Götter…: Beim Bad der Diana zeigt sich das Simulacrum in der Flucht vor der äußersten Nähe und nicht im beständigen Einbrechen der anderen Welt.“[1] 

 

[1] Foucault, S. 436