Gott und Teufel

Christus und der Teufel 01, 2019, Acryl/Collage, 100 x 70 cm

 

Für meine Collage „Jesus und der Teufel 01“ habe ich zwei Bildquellen verwendet: Einen „Schmerzensmann“ (1505) des italienischen Renaissancemalers Sodoma sowie ein Bild des spätmittelalterlichen südtiroler Malers und Bildschnitzers Michael Pacher „Der Teufel weist dem hl. Augustinus das Buch der Laster vor“ (1471-75).

Sodoma, ein Zeitgenosse Raffaels, mit dem er zusammen mit anderen Künstlern in den Stanzen des Vatikan arbeitete, führte dieses Fresko in der südlich von Siena gelegenen Abtei Monte Olivetto aus. Das Sujet, Christus an der Geißelsäule, ist eigentlich ein Widerspruch zum Bild: Wir sehen einen muskulösen männlichen Heros mit intaktem Oberkörper und einem sanften antikischen Pathos als Gesichtsausdruck – keineswegs die geschundene Kreatur, die man bei einer solchen Tortur zu gewärtigen hat. Der antike Heros stand auch hier, wie bei vielen Darstellungen seit der Frührenaissance bis zum Barock, etwa bei Rubens, Pate für die Christus-Figuration

Die Erscheinung des Teufels dagegen kommt aus einer anderen, nördlicheren Kulturlandschaft, obwohl man bei Pacher Einflüsse der italienischen Frührenaissance annimmt. Dieses grotesk-komische giftgrüne Ungeheuer mit Hauern, Hörnern, Flügeln und einem prononcierten Arschgesicht hält dem Kirchenvater Augustinus das Buch der Laster vor, wie es dem Teufel geziemt – obwohl sich der Teufel höchstpersönlich im Faust als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ vorstellt. Der Teufel, der zu Zeiten Christi schon eine längere Genealogie aus dem früh-mesopotamischen Kulturraum hinter sich hat, trifft Christus mehrfach, z.B. als Versucher von Christus nach dessen 40tägigem Fasten in der Wüste, wo er ihm einen Deal vorschlägt: „Alle Reiche dieser Welt“ gegen seine Anbetung.[1] Beide Parteien erweisen sich dabei als recht bibelfest und es nimmt nicht wunder, dass Jesus das letzte Wort hat und der Teufel auch diesmal wieder unverrichteter Dinge abziehen muss.

 

In meiner übermalten Collage wirken beide, Christus und der Teufel, nicht nur gleichwertig, sondern auch ineinander übergehend.

Gibt es nicht auch im Christentum eine immer präsente Gefahr, dass das Böse, der Teufel nicht das radikal Andere, sondern sogar dasselbe repräsentiert? Michel Foucault meint sogar, dass trotz Dualismus und Gnosis, und ihrer vielfachen Ablehnung und Verfolgung (der junge Augustinus hing dem Manichäismus an), es Spuren gibt, "dass der Dämon nicht der Andere ist, der ferne Pol Gottes, der nahezu ausweglose Gegensatz, die böse Materie, sondern vielmehr etwas Fremdartiges und Verstörendes, das an Ort und Stelle das Selbe, das exakt Ähnliche schweigend zurücklässt." (Michel Foucault, Die Prosa des Aktaion, Schriften I, S. 434, Frankfurt 2001)

 

 

[1] Matthäus 4

Christus und der Teufel 03, 2020, Acryl/Collage, 100 x 70 cm

 

 

Piero’s wunderbarer auferstandener Christus, der nicht als unkörperlicher Schatten, sondern in vollster antikischer Körperlichkeit, dennoch geheimnisvoll, sich erhebt über zwei Teufel des Luca Signorelli, seines Schülers, könnte den Sieg des Auferstandenen über das Böse dieser Welt bedeuten. Doch auch hier wirkt Jesus und die Teufel wie ein Nebeneinander, fast gleichrangig. Sind denn die beiden Gestalten überhaupt Teufel? Sie sehen eher wie Satyrn aus dem Gefolge des arkadischen Hirtengottes Pan aus. Und in der Tat waren die „panischen“  Mischwesen aus Mensch und Bock unter anderen Gestaltgeber für den christlichen Teufel. Dieser zeichnet sich überhaupt durch seine zahlreichen Metamorphosen aus („denn das Böse ist immer und überall“[1]), was ihn schon in Gegensatz zum ewigen, unwandelbaren Göttlichen bringt, dem er ursprünglich entstammt.

 

 

 

 


[1] Refrain eines Songs der österreichischen „Ersten Allgemeinen Verunsicherung“: „Ba-Ba-Banküberfall“, 1986