Vision des Ezechiel

Vision des Ezechiel, 1988, Öl auf Leinwand, 120 x 95 cm

 

 

Das kleinformatige, aber nichtsdestotrotz monumental wirkende Bild Raffaels wurde, wie der später hinzufügte Titel nahezulegen scheint, bezogen auf die Vision Gottes des Propheten Ezechiel. Man meinte in der linken unteren Ecke sogar eine sehr verkleinerte Darstellung des Propheten in einem Lichtstrahl erkennen zu können. Allerdings ist in dieser alttestamentarischen Stelle keine Rede von den vier Evangelistensymbolen, die Raffael in die Komposition dieser Erscheinung einfügte. Deshalb spricht Ulrich Pfisterer von einer „sogenannten“ Vision des Ezechiel[1].

 

[1] Ulrich Pfisterer, Raffael – Glaube Liebe Ruhm, München 2019, S. 178

 

 

In meinem Bild habe ich nur den Adler beibehalten, der traditionell den Evangelisten Johannes symbolisiert. Raffael hat für die Darstellung Gottes das Vorbild einer Jupiter-Darstellung genommen, wohl von einem antiken Sarkophag.

Doch was heißt das eigentlich, wenn gesagt wird, wer was auf einem Bild sei oder wie die Genealogie dieser Bild-Vorstellungen sei, in diesem Fall also die Einbeziehung antiker Gehalte in die theologische Bildwelt? Und, last but not least, wenn ich, der Maler, nun 1988 nach diesem Bild, fast 500 Jahre später, ein Bild male, das unzweifelhaft und offensichtlich sich auf ein Vor-Bild Raffaels bezieht?

Natürlich ist diese Beziehung von Vor- und Nach-Bild rein beschreibend zu verstehen. Es ist klar, dass ich keine malerische „Nachahmung“ oder gar ideelle Einfühlung in die angebliche theologische Welt Raffaels anstrebe, wie etwa die deutschen „Nazarener“ des 19. Jahrhunderts, deren künstlerische Ideologie mir als ein restauratives Frömmlertum erscheint. Und dennoch habe ich gerade diese Bild Raffaels ausgewählt, da es mich nach wie vor fasziniert. Die Form der Darstellung habe ich – mit den spezifischen Änderungen und Auslassungen – beibehalten, die malerische Durcharbeitung ist meine. Wenn es so etwas wie die „Idee“ eines Kunstwerks gibt, in diesem Fall passenderweise eine neoplatonisch grundierte Bild-Theologie entsprechend der Selbst-Darstellung des vermutlichen päpstlichen Aufraggebers, Leo X., dann könnte man mutmaßen, ich habe diese Idee genommen und sie in eine heutige individuelle malerische Struktur integriert. Ich gestehe durchaus, dass ich den Neoplatonismus, insbesondere der italienischen Renaissance, schätze, was natürlich nicht bedeutet, ich sei Neoplatoniker.

Hier kommt mein Begriff der Neuen Archäologien ins Spiel – ein Spiel, das überhaupt für meine Kunst zentral ist. Spricht nicht Nietzsche schon in seinem Ecce homo von der Notwendigkeit des Spiels: „Ich kenne keine andre Art, mit großen Aufgaben zu verkehren als das S p i e l: dies ist, als Anzeichen der Grösse, eine wesentliche Voraussetzung.“?[1]

Ich spreche zwar in meiner Malerei und den Collagen (und Skulpturen) je historische Ideen des Neoplatonismus, des Mittelalters und der Antike an, aber eben im Medium der Kunst und nicht – der Kunstgeschichte oder der Philosophiegeschichte oder irgendeiner sonstigen Geschichte. Und die Kunst ist bekanntlich vieldeutig. Die Beziehung von Kunst und Erkenntnis ist ein großes nie endendes Thema, das schon die antiken Denker und Künstler beschäftigte, allen voran Platon, der eine hochdifferenzierte Bild-Theorie entwickelte, die auch im Zuge eines Wiederlesens der platonischen Philosophie in der Renaissance rezipiert wurde.

Der Neue Archäologe sucht das Unbekannte im Bekannten, während der klassische Archäologe das Bekannte im Unbekannten sucht.

 

[1] Friedrich Nietzsche, Ecce homo, KSA 6, S. 297

Vision des Ezechiel, 2018, Acryl/Collage, 34 x 48 cm

 

An dieser Collage lässt sich deren Struktur gut verdeutlichen: zwei Welten treffen hier aufeinander, die der neuplatonisch orientierten Renaissance und die einer locker modernen Landschaft mit blauen Punkten. Damit wird einerseits die Verbindung eines antiken Jupiters und Gott-Vater ins Reich einer kulturellen Fabel verwiesen, andererseits gewinnen die „dots“ plötzlich eine neue „interkulturelle“ Dimension. Ich verfolge damit weder eine ironisch-komische und schon gar keine blasphemische Absicht. Eher strebe ich eine spielerische Synthese an; „Synkretismus“ wäre schon zu viel, da damit die Moderne auch zu einer Art Religion würde. Inzwischen werden alle möglichen Bereiche der Modere inflationär als Religions-Ersatz gehandelt.

Es ist die Frage, ob die Collage jegliche Bedeutung vernichtet und bestenfalls eine Art witziger Unverbindlichkeit erreicht, deren Eindruck sich in einem kurzen Anschauen erschöpft. Letztlich kann nur der Betrachter entscheiden, ob solche Collagen eine neue Bedeutung – oder vielmehr – eine neue Bedeutungslosigkeit erreichen.

Durch das Collagieren früherer „metaphysischer“ Kunst mit modernen Strukturen wird die Rezeptionsweise auch der früheren Kunst „modern“, d.h. wir sehen keine „Vision“ einer Kultur, z.b. der christlich-mittelalterlichen oder der christlich-manieristischen, sondern bestenfalls „Welten“. Doch diese ist keine Folge der Collage; vielmehr ist die Collage eine Folge einer in der Moderne neuen Sehweise von Kunst.