Paradies (Garten)

Der alttestamentarische Paradies-Text ist relativ spät entstanden, wohl nicht vor dem 9. oder 8. vorchristlichen Jahrhundert. Der Begriff selbst stammt aus dem Altiranischen und bedeutet „umzäunte Fläche“, aber auch „Baumgarten“ oder „Park“. So soll der Perserkönig Kyrus oft in seinem „Paradies“ auf die Jagd gegangen sein, was auf ein größeres Revier deutet.

Demgegenüber ist Gott in seiner Schöpfung, seinem Paradies, nur spazieren gegangen:

"Und sie (Adam und Eva) hörten Gott, den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.“[1]

Da war es auch schon aus mit der göttlichen Ruhe im Paradies: Der Fall des ersten Menschenpaares und sein Hinauswurf aus dem Paradies schien unvermeidlich.

Der Urzustand der Welt war göttliche Harmonie ohne Naturkatastrophen und sonstige Chaos-Zustände. Auch waren alle Lebewesen dort Vegetarier, wie Gott kundtut:

"Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles Kraut zur Nahrung gegeben."[2]

Der biblische Text klärt uns nicht darüber auf, wie die Fleischfresser unter den Tieren mit ihren Mägen, Fresswerkzeugen etc. mit dem paradiesischen Grünzeug zu recht kamen. 

 

Allen Gartenliebhabern – auch mir – muss klar sein, dass unsere geliebten Gärten nicht die Quelle der schönsten Naturharmonie sind, sondern idealerweise ein hochartifizielles Konstrukt, das ohne tägliche, zum Teil recht kostspielige Hege und Pflege (lateinisch „cultura“: Pflege, Ackerbau) sehr bald verwildert. Dann transformiert sich der Garten wieder in jenen Naturzustand, der, naturbelassen, nicht gerade ideal für Blumenrabatten, idyllische Teiche und gut begehbare Wege ist.

Der Garten ist also ein Kompromiss zwischen Natur und Kultur. Wenn eine renommierte Gartengestalter*in am Werk war, wird man zu Recht von einem genuinen Kunstwerk sprechen. Damit wächst der Garten einerseits über das klassische Kunstwerk hinaus, da er „lebt“, was das Kunstwerk nur in der Einbildungskraft seiner Betrachter*innen erreicht, ist ihm andererseits aber gerade durch sein Gebundensein an das natürliche Werden und Vergehen unterlegen, da der Absolutheitsanspruch des Kunstwerks als gewordenes Sein konterkariert wird.

Deshalb hat Hegel in seiner Ästhetik das Gemälde einer Landschaft höher geschätzt als die Landschaft selbst.

 

[1] Genesis 3, 8

[2] Genesis 1, 30

Heribert Heere

KÜNSTLER