Der Strand wirkt in meinem Bild wie eine imaginäre Bühne, auf der sich Figuren aus der modernen Welt und der Klassik begegnen.

In my picture, the beach looks like an imaginary stage on which figures from the modern world and the classical world meet.

Am Strand, 1988, Öl auf Leinwand, 95 x 120 cm

 

Das Ölbild „Am Strand“ von 1988 ist eines meiner frühesten hier präsentierten Arbeiten. Es zeigt links einen kauernden Akt, daneben den Kopf eines jungen Mannes und rechts einen nackten jungen Mann, als dessen „Vorbild“ ich eine antike griechische Statue, den sogenannten „Kritios-Knaben“, nahm, den man im Akropolismuseum in Athen bewundern kann. Muss man also die griechische Kunst kennen, um meine Arbeiten verstehen zu können? Und vielleicht noch das Mittelalter, Renaissance, Barock, Rokoko und die moderne Kulturindustrie? Natürlich nicht, denn ein Bild ist ein Bild.

Aber es ist meine Intention, klassische Skulpturen so zu malen oder zu zeichnen, dass sie wie lebendige Akte aussehen. Übrigens waren die klassischen Aktpositionen in den Akademien seit dem Barock von den antiken Statuen inspiriert, am bekanntesten die Stellung von Stand- und Spielbein. Außerdem war es in der Renaissance und teilweise noch im Barock üblich, dass Künstler als lebend vorgestellte Figuren nach antiken Vorbildern malten, z.B. nach Sarkophag-Reliefs. Und dies nicht nur mangels Modellen, sondern weil sie die antike Gestalt als Vorbild nahmen.

Die Antike ist nicht mein Vorbild, wenigstens nicht in seiner normativen Bedeutung, eher im wörtlichen Sinn als Vor-Bild. Mir ist natürlich klar, dass die antike Skulptur und Baukunst bis ins 19. Jahrhundert hinein für die westliche Kunst eine sehr prägende Rolle spielte, gelinde gesagt. Wenn also ein Künstler heute – nach mehr als 150 Jahren moderner Kunst – wieder so operiert, dann kann das meiner Überzeugung nach nur mehr spielerisch, als ein Moment unter andern, passieren. Ich bin kein künstlerischer Neo-Konservativer, der die Antike – und überhaupt die frühere Kunst – als das Heilmittel anpreist einer vorgeblich defizitären modernen Kunst, die, wie es ein bedeutender Kunsthistoriker der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts formulierte, durch den „Verlust der Mitte“[1] gekennzeichnet sei“.

Ich war wohl ein Collagist „ante litteram“. So habe ich schon 1975 eine Ausstellung im Münchener Lenbachhaus gesehen, deren Titel sich mir bis heute eingeprägt hat: „Let’s mix all feelings together“. Gezeigt wurden vier Künstler, die allesamt einem collagistischen Programm verpflichtet waren.[2]

Bei meinem Bild handelt es sich auch um einen Mix aus Gefühlen – und nicht aus Kunstgeschichte oder Religionssoziologie oder Kulturtheorie! Sonst bräuchte ich ja keine Bilder zu malen, bzw zu collagieren. Malewitsch hat einmal gesagt, dass „das Wirken des Künstlers einem Wirbelwind zu vergleichen ist inmitten einer Fülle von Erregungen“[3]

Der Strand wirkt in meinem Bild wie eine imaginäre Bühne, auf der sich Figuren aus der modernen Welt und der Klassik begegnen. Vielleicht haben sie sich was zu sagen? Aber vor allem: Sie präsentieren, sie zeigen sich zusammen. Synergetisch, nicht agonal. Eben als eine Fülle von Erregungen, die möglicherweise auch den Betrachter affiziert.

 

[1] Hans Sedlmayr, Verlust der Mitte, Berlin 1995

[2] Let`s mix all feelings together - Baruchello, Erró, Fahlström, Liebig - Katalog zu den Ausstellungen vom 21. 3. - 4. 5. 1975 in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München und vom 20. 6. - 10. 8. 1975 im Frankfurter Kunstverein

[3] Kasimir Malewitsch, Suprematismus – Die gegenstandslose Welt, Köln 1962, S. 83

The oil painting "Am Strand" from 1988 is one of my earliest works presented here. On the left there is a crouching act, next to it the head of a young man and on the right a naked young man, whose "model" I took an ancient Greek statue, the so-called "Kritios boy", admired in the Acropolis Museum in Athens can. So do you have to know Greek art in order to understand my work? And maybe the Middle Ages, Renaissance, Baroque, Rococo and the modern culture industry? Of course not, because a picture is a picture.
But it is my intention to paint or draw classical sculptures in such a way that they look like living acts. Incidentally, the classical nude positions in the academies since the Ba-rock were inspired by the ancient statues, most notably the position of standing and playing leg. In addition, it was common in the Renaissance and partly still in the Baroque that artists painted as living presented figures after ancient models, e.g. after sarcophagus reliefs. And not just for lack of models, but because they took the ancient figure as a model.
Antiquity is not my role model, at least not in its normative meaning, rather in the literal sense as a pre-image. It is clear to me, of course, that ancient sculpture and architecture played a very important role in Western art until the 19th century, to say the least. So if an artist operates again today - after more than 150 years of modern art - then this can only happen more playfully than a moment among others. I am not an artistic neo-conservative who praises antiquity-and even earlier art-as the remedy of a supposedly deficient modern art which, as one of the great art historians of the first half of the last century put it, is "lost." Middle "was marked".
My picture is also a mix of feelings - and not art history or religious sociology or cultural theory! Otherwise, I would not need to paint any pictures, or to collage. Malevich once said that "the artist's work is like a whirlwind amidst a wealth of excitement"
In my picture, the beach looks like an imaginary stage on which figures from the modern world and the classical world meet. Maybe they have something to tell each other? But above all: they present themselves, they show themselves together. Synergetic, not agonal. Even as a wealth of excitement, which may also affect the viewer.