Carla, 1999, Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm

 

Der Philosoph und Autor Pravu Mazumdar schrieb über "Carla":

 

Aus der blauen Tiefe des Schädels steigt CARLA empor, die silbernen Haare hochgesteckt, die Augenlieder geschlossen. Wie Helena löst sie sich von dem brodelnden Gemisch aus Nacht und Feuer und steigt in eine Höhe, von der aus sie das Eis ihrer Ruhe und Sichtbarkeit spendet. Noch haftet an ihrem Hals das Blau jener Nacht und an den Schultern das Orange jenes Feuerstreifens, aus denen sie eben aufgetaucht ist. Mit dem ganzen Arsenal ihrer Anmut, der kühlen, hohen Stirn, dem vornehmen Hinterhaupt, der zum Relief ausgeformten Ohrmuschel, den langen Wimpern, die sich über das knospende Augenlicht schließen, dem empfindlichen Nasenflügel, dem träumenden Mund, der nie zum Küssen, sondern zum Verkünden leiser, schrecklicher Wahrheiten sich wölben wird, erscheint sie als die unmögliche Tochter jener Hölle, aus der sie hervorging, jener Todeskälte und jenes flammenden Orange, aus denen heraus sie in ihre Ruhe gegossen wurde: eine Fiktion aus Silber, blicklos, noch ungeboren.

Werden sich diese Augen jemals öffnen? Oder sind sie nur dazu da, immerfort die Augen des Betrachters aufzuschließen?

Mit ihrer hoheitsvollen Aufrichtung, mit der die die Bildfläche beherrschende Vertikale aufleuchtet, verbindet sie das Feuer unten mit dem Eis oben, scheint gar aus beiden entstanden zu sein, scheint Gradstufen der Abkühlung zu überspannen. Durch ihre eisige Aura hindurch, die sich mit den Feuertönen von unten vermischt, wendet sich ihr blickloses Gesicht einem Blau zu, das ein Bruchstück derselben Nacht zu sein scheint, aus der heraus sie in ihre Eis-und-Feuer-Helle geschickt wurde: endlose Gegenwart der Nacht. Das Feuer aber, das sie geformt hat, will die Nacht verschlingen, durchtrennt das Blau vorne von dem dunklen Untergrund des Schädels, es ist ein kritischer Augenblick im ewigen Kampf zwischen Licht und Finsternis. Das Feuer verbreitert sich, erobert beinahe die ganze obere Hälfte des ihr gegenüberliegenden Bildrandes, aus seiner lohenden Helle scheint der Umriss eines athletischen männlichen Körpers aus Rücken-Hintern-Schenkeln auf, nach oben in die blaue Nacht ragend.

Dem blicklosen Gesicht der Frau sieht ein kraftstrotzender männlicher Rücken entgegen. Im Dreieck zwischen Frau, Mann und Totenschädel organisiert sich die Welt des Bildes.

 

Eva, 1998, Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm

 

Pravu Mazumdar weiter:

 

Heeres Arbeit spielt mit den Möglichkeiten des Bildes im Zeitalter seiner „technischen Reproduzierbarkeit“. Der Blick irrt von einem Bildfeld zum anderen, durch den Irrgarten der Grenzlinien zwischen den Feldern hindurch, und umfasst in jedem Feld die Gestalt des Schönen, nicht in seiner originären Einmaligkeit, sondern im Element der Wiederholung, der ver-rückten Wiederholung. Jedes Feld wiederholt ein anderes, aber anders, von einem anderen Aspekt her, und die Aneinanderreihung der Felder lässt die ruckartige Bewegung des Bildgehaltes sichtbar werden. Das Bildfeld erscheint als Fensterrahmen, an dem die Welt vorbei-rückt. Darin bekundet sich ein eigentümliches Verhältnis von Welt und Bild. Das Bild offenbart nicht mehr die wahre und wesenhafte Welt, sondern die Welt als ruckartiges Ereignis von Auftauchen und Verschwinden.

Das schicksalhafte Bündnis von Welt und Bild, die spezifischen Formen ihrer Koexistenz, waren konstitutiv für die verschiedenen Epochen der abendländischen Kulturgeschichte. Sobald aber die Welt nicht mehr Schöpfung eines unendlichen und transzendenten Gottes ist, sobald das Verhältnis zwischen Zufall und Notwendigkeit im Weltgeschehen sich umkehrt und Inseln der Notwendigkeit und Vernünftigkeit fortan aus der unendlichen Demiurgie des Zufalls hervorgehen, den griechischen Göttern gleich, mit ihren begrenzten und unberechenbaren Zuständigkeiten, stiehlt sich der Zufall in das Bildgeschehen ein. Das Band zwischen Bild und Welt ist kein notwendiges mehr, im Idealfall von Wahrheit durchtränkt, sondern ein schwankender, vielsträhniger, labyrinthischer Raum. Das besagt das Ende der Epoche der Repräsentation und des ikonischen Realismus, denn es ist nicht mehr eine wahre und wesenhafte Welt, die die Hand des Künstlers führt, sondern der Zufall als Überfluß und Überschreitung der Ordnung des Notwendigen. Es handelt sich damit um eine fundamentale Verwandlung des Bildes selbst.

Der wesentlichste Schritt dieser Verwandlung: die Fläche des Bildes verliert ihre traditionelle Einheit. Dieser Verlust signalisiert das Ende einer alten und sehr mächtigen Metaphysik. Die vielen Götter ziehen in das Bild ein, das damit zu einem komplexen und bewegten Zusammenhang aus Bildern wird. In der Abwesenheit Gottes meldet sich ein fröhliches Gewimmel der Götter, die Welt verwandelt sich in eine wesentlich unsichtbare Vielzahl der Universen, die Seele ist, in Nietzsches Worten, ein Gesellschaftsbau der Seelen, ebenfalls ist das Bild ein Gesellschaftsbau der Bilder. Das neue Bild ist ein Labyrinth aus Bildern.

Amica, 1997, Öl auf Leinwand, 200 x 140 cm