Durch das Nackte hat der »Mensch« ein Wesen gefunden und wird unsterblich.

François Jullien

Toskana 4, 2009, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm

 

Die bis auf die Antike zurückreichende Tradition der Darstellung des nackten weiblichen Körpers in der westlichen Kunst ist  für den französischen Philosophen und Sinologen Francois Jullien geradezu ein Wahrheitskriterium:

Durch das Nackte hat der „Mensch“ ein Wesen gefunden und wird unsterblich…Die europäische Kunst ist auf das Nackte fixiert wie die Philosophie auf die Wahrheit. In der Lehre der Kunst ist der Akt so zentral wie die Logik in der Philosophie: In den Akademien Europas arbeitete man ebenso daran, das Nackte darzustellen, wie man sich theoretisch daran übte, die Wahrheit (die nackte Wahrheit) zu beweisen.“[1]

Bis heute habe sich „die europäische Kultur nie von der Vorherrschaft des Nackten lossagen können: „Die Vorherrschaft des Nackten befindet sich zwischen den Polen des Sinnlichen und des Abstrakten, dem Körper und der Idee, zwischen dem Erotischen und dem Spirituellen und schließlich zwischen der Natur und der Kunst.“ Der Grund liege in der Fähigkeit des Nackten, das Sein sichtbar zu machen, eine Erkenntnis, die bis auf Platon zurückgehe: „Denn allein der menschliche Körper ist in der Lage, die Erfahrung des Nackt-Werdens zu machen. Er ist die einzige Stelle des Seins, an der das Sein offen erfahren werden kann.“ Wir würden heute statt des metaphysisch belasteten „Seins“ von „Kontinuität“ sprechen im Gegensatz zur „Diskontinuität“ des Einzelnen und des Werdens.

Dabei beruft sich Jullien auf Platon, für den „die Schönheit das Deutlichste in der Welt der Sinnenwahrnehmung ist, das Hervorleuchtendste, das uns Entgegenschimmernde[2]…Die Schönheit ist das, was am stärksten im Bereich des Sichtbaren hervortritt“. , Schönheit des Nackten beruhe auf „der Kraft der Evidenz, das Sichtbare hervortreten zu lassen“.

 

[1] Francois Jullien, Vom Wesen des Nackten, München 2003, S. 26ff

[2] Platon, Phaidros, 250d

Salerno, 2009, Aquarell, 48 x 36 cm

 

Es geht in der Maler bzw Bildhauer und Modell-Beziehung, die schon am Beginn der westlichen Kunstentwicklung stand, um die Frage nach dem Bild. Der Mythos von Pygmalion, des antiken Bildhauers, dessen Elfenbeinstatue einer nackten Frau auf seine Bitten hin von Venus belebt und zu seiner Gefährtin wird, steht hier metaphorisch für einen weiten Komplex des „wahren Trugbildes“, der um Begriffe gruppiert ist wie „Inkarnation“ „Fleischwerdung“, „Belebung“ , „Verkörperung“, aber auch „Simulation“, „ Simulacrum (Trugbild)“, „Begehren“, „Urbild“ und „Abbild“.

In Zeiten der massenhaften Reproduktion von Nacktheit bekommt die künstlerische Arbeit nach diesen chimärenhaften, modernen Nymphen, von denen Agamben spricht, etwas von einem „Metabild“. Damit bezeichnet der Schöpfer des pictorial turn, W. J. Th. Mitchell, solche Bilder, die nicht nur „reine“ Bilder sind, sondern zusätzlich über Bilder und ihre Welt visuell reflektieren.

Ischia, 2009, Aquarell, 36 x 48 cm

Am Vesuv, 2009, Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm

 

Dass meine Schönheiten manchmal durchaus nicht der Ironie, ja sogar der Parodie entbehren, zeigt uns diese nackte Schöne, vorgelagert einer trügerischen Idylle des Golfs von Neapel mit dem nach wie vor aktiven Vesuv und angeschaut von einem fragmentierten jungen Mann mit einer – so scheint’s – grünen Kopfbedeckung aus südlicher Macchia. Eingeschrieben in die Haut der Schönen und damit in die Haut des Ölbildes sind weiße Konturen von Häusern an der Küste. Diese Schöne scheint etwas Unsichtbares in ihrer dezidiert verweisenden Hand zu halten.

 

Oder will sie damit andeuten, dass wir ihr in ihre eigene imaginäre Bildwelt folgen sollen?

 

 

 

Heribert Heere

KÜNSTLER