In unserer Kultur trägt Nacktheit eine unauslöschliche

theologische Signatur.

Giorgio Agamben

 

Dass meine Schönheiten manchmal durchaus nicht der Ironie, ja sogar der Parodie entbehren, zeigt uns diese nackte Schöne, vorgelagert einer trügerischen Idylle des Golfs von Neapel mit dem nach wie vor aktiven Vesuv und angeschaut von einem fragmentierten jungen Mann mit einer – so scheint’s – grünen Kopfbedeckung aus südlicher Macchia. Eingeschrieben in die Haut der Schönen und damit in die Haut des Ölbildes sind weiße Konturen von Häusern an der Küste. Diese Schöne scheint etwas Unsichtbares in ihrer dezidiert verweisenden Hand zu halten.

 

Oder will sie uns nur auffordern,

 

ihr in die imaginär-mediterrane

 

Pop-Rätselwelt dieser Bilder zu

 

folgen?

Auf dem Aquarell mit dem Titel „Romulo“ sehen wir eine Art „Figurenpyramide“, deren Spitze von einer nackten Schönen gebildet wird, die zwischen einem jungen Mann mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und einer kleineren Comic-Schönheit steht, während links unten eine halb überblendete römische komische Theatermaske die Basis bildet. Die Maske stellt einen komischen Sklaven dar, eine der Hauptfiguren der Trägödienparodie, aus der sich vermutlich die antike Komödie entwickelte. „Wir wissen es jetzt sicher, dass jene grotesken, dickbäuchigen, phallischen Gestalten…gleichermaßen ausstaffiert sind, wie es die Schauspieler der alten attischen Komödie waren. Und diese „Pusterbälge“…waren ohne Zweifel ursprünglich dionysische Dämonen, strotzende Dämonen der Fülle, „füllende und volle“ Feld- und Waldgeister.

 

Die groteske antike Maske bildet den unteren Grund des Bildes, also die Erde und die Unterwelt, wohingegen im vermittelnden Mittelteil ein junger Mann der Jetztzeit, ein Lebender also, sich erhebt hin zu den strahlenden weiblichen Genien eines lichten Himmels, Athena-gleich, dem Haupt des Zeus entsprungen.

Es geht in der Maler bzw Bildhauer und Modell-Beziehung, die schon am Beginn der westlichen Kunstentwicklung stand, um die Frage nach dem Bild. Der Mythos von Pygmalion, des antiken Bildhauers, dessen Elfenbeinstatue einer nackten Frau auf seine Bitten hin von Venus belebt und zu seiner Gefährtin wird, steht hier metaphorisch für einen weiten Komplex des „wahren Trugbildes“, der um Begriffe gruppiert ist wie „Inkarnation“ „Fleischwerdung“, „Belebung“ , „Verkörperung“, aber auch „Simulation“, „ Simulacrum (Trugbild)“, „Begehren“, „Urbild“ und „Abbild“.

In Zeiten der massenhaften Reproduktion von Nacktheit bekommt die künstlerische Arbeit nach diesen chimärenhaften, modernen Nymphen, von denen Agamben spricht, etwas von einem „Metabild“. Damit bezeichnet der Schöpfer des pictorial turn, W. J. Th. Mitchell, solche Bilder, die nicht nur „reine“ Bilder sind, sondern zusätzlich über Bilder und ihre Welt visuell reflektieren.

Heribert Heere

MALER  COLLAGIST  ESSAYIST