Beri, 1994, Öl auf Leinwand, 130 x 85 cm

 

Models verfügen nicht nur über einen, sondern über zwei kategorial verschiedene Körper, einmal ihren leiblichen Körper, wie wir alle auch - und zum anderen über ihren Bildkörper.

 

Doch auch der „moderne“ Körper, der sich von seiner untergeordneten Existenz innerhalb des metaphysischen und mythischen Leib-Seele-Dualismus emanzipert hat, ist keine Ganzheit, sondern eine „Vielheit“, die laut Nietzsche nicht nur Vieles in sich birgt, sondern sogar „ist“[1].

 

[1] Friedrich Nietzsche, Von den Verächtern des Leibes, Also sprach Zarathustra

Helena, 1994, Öl auf Leinwand, 130 x 85 cm

 

…ihr Blut, rein und beredt,

in ihren Wangen sprach’s so angestrengt,

dass man fast sagen könnt, ihr Leib, er denkt.

 

John Donne

 

 

Diese Flüchtigkeit der schönen Trugbilder offenbart das  Spektrum des quirligen, unzerstörbaren, immer neu sich zeugenden Lebens, das auch zeitweise die Form einer dunklen gespenstischen oder auch mystischen Negativität annehmen kann.

Das Bild der Schönheiten kann also gerade durch seine unstete Gegenwart das Leben selbst in den Blick nehmen.

Elle, 1994, Öl auf Leinwand, 160 x 85 cm

 

 

"Die „Wiederentdeckung“ des Körpers nach der tausendjährigen Ära des Puritanismus, unter dem Zeichen der körperlichen und sexuellen Befreiung, seine Allgegenwart (speziell des weiblichen Körpers) in Werbung, Mode, Massenkultur; der Hygiene-, Diät-, Therapiekult, in den er eingebunden ist, der Jugendwahn, die Obsession von Eleganz und Männlichkeit/Weiblichkeit, die Pflege- und Nahrungsergänzungsmittel, die Opferpraktiken, die sich mit ihm verbinden, der Mythos von Sinnenfreude, der ihn umgibt – all dies zeugt heute davon, dass der Körper zum Objekt des Heils geworden ist. In dieser moralischen und ideologischen Funktion hat er sich buchstäblich an die Stelle der Seele gesetzt.“

 

Jean Baudrillard

 

 

 

Naomi 2, 1994, Öl auf Leinwand, 130 x 85 cm

 

Baudrillard spielt hier in einer komplexen Denkfigur auf die in allen Kulturen – bis auf die Moderne – übliche Vorstellung einer unsterblichen Seele und eines sterblichen Körpers an. Er sagt nicht, der moderne Körper habe den früheren Körper ersetzt und damit die Seele mit all den ewigen, unzerstörbaren, seienden Qualitäten als Fiktion entlarvt und damit überflüssig gemacht, sondern er belässt grundsätzlich diesen Gegensatz, nur mit dem Unterschied, dass gegenüber dem sterblichen normalen Körper sich anstatt der Seele ein neuer wunderbarer Körper „mit all seinen moralischen und ideologischen Funktionen als ein Objekt des Heils“ gesetzt habe.

 

Sozusagen statt des Seelenheils ein neues „Körperheil“.

 

Und meinte nicht der eingangs[HH1]  zitierte Renaissancedichter John Donne mit seinem Aphorismus des denkenden Leibes der Geliebten jenen normalen Körper, der durch die Schönheit und die Liebe fast zu einem ewig scheinenden Körper des Heils wird?

 

Die von mir für die Models vorgeschlagene Zwei-Körper-Theorie ließe sich jetzt für die Moderne insofern verallgemeinern, das wir alle zwei Körper haben, einen normalen und einen Körper des Heils[1]

 

Doch belässt es die moderne Kosmetik nicht beim bloßen Verschönern der Oberfläche der Körper, sondern verändert mittels plastischer Chirurgie ganze Teile des Körpers und hat sogar die genetische Neu-Codierung des Menschen selbst im Blick. Können wir uns da auf eine Schöne Neue Welt freuen oder müssen wir apokalyptische Visionen mit hybriden Homunculi a la Robocop gewärtigen?

 

[1] Dabei habe ich mich von Kantorowicz‘ berühmten Werk: „Die zwei Körper des Königs: Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters“ inspirieren lassen.

 

Heribert Heere

KÜNSTLER