Doree, 1996, Siebdruck auf Acrylglas, 100 x 50 cm

 

Für die Fotos dieser Siebdrucke auf Acrylglas von 1996 habe ich – noch ganz analog – meine Kamera auf ein Motiv aus einer fashion-Zeitschrift gehalten und diese sukzessive vertikal bewegt. Die so entstandenen Aufnahmen stellen durch leichte Überlappung desselben Gegenstandsbereichs (Nase, Haare, Arme etc.) eine gesplitterte Makrostruktur des Sujets (Model-Körper) dar, sodass aus einem massenhaft produzierten Körper-Zeichen plötzlich eine neuartige Makrostruktur wird, die aber das Gleiche ihres Ursprungs nicht verleugnet. Durch die Zur-Schau-Stellung einzelner Körperteile könnte man von Fetischismus sprechen. Doch was bedeutet Fetischismus eigentlich? Der Begriff kommt aus dem lateinischen „facticius“ und ist davon ins Altfranzösische als „faitis“ oder „faitiche“ und dann ins Deutsche als „feit“ entlehnt worden, was einfach „schön“ oder „hübsch“ bedeutet.

Giorgio Agamben macht klar, dass „faitiche“ das jenige am menschlichen Körper bezeichnet, auf das viel kunstvolle Sorgfalt verwendet wurde und das darum das Begehren und die Liebe auf sich zieht, „als ob seine Weise oder Manier als Schönheit sich in einer Art paradoxer Selbstranszendierung von ihm (dem Körper) ablösten“.

Hosiery, 1996, Siebdruck auf Acrylglas, 100 x 50 cm

 

Giorgio Agamben hat in einem Essay über einen Werbespot für Strumpfhosen bemerkt, dass den Kinobesucher dabei „ein Glücksversprechen angeweht habe, das sich unmissverständlich auf den menschlichen Körper bezog“[1].

 

[1] Giorgio Agamben, DIM Strumpfhosen, in: G.A., Die kommende Gemeinschaft, S. 46

Loulou 1, 1996, Siebdruck auf Acrylglas, 100 x 50 cm

 

Durch Kommerzialisierung und massenhafter Verbreitung durch Fotografie und durch damit einhergehende Unterwerfung des Körpers unter den Tauschwert, hat dieser, so Agamben, sich vom unartikulierten Schrei des tragischen Körpers ebenso verabschiedet wie von der Stummheit des komischen. Infolge dieser Säkularisierung wird der Körper von seinem theologischen Vorbild – der Mensch nämlich als Bild Gottes – befreit und gleicht damit den Körpern der übrigen Menschen. Er bewahrt aber seine Ähnlichkeit zu Gott, wird, in der Diktion Agambens „beliebig“ und verweist als solches „auf das kommende Sein“, denn dieses ist das Sein, das „allgemein beliebt (quodlibet)“. 

Heribert Heere

KÜNSTLER