Welt als Spiel

Meine „Weltmontage" kann sich nicht auf ein wohlgefügtes prästabiliertes seiendes Ganzes beziehen, sondern auf eine Welt im Werden, auf meine Welt also. Diese von dem Philosophen Pravu Mazumdar so genannte "Weltmontage" kennzeichnet meine künstlerische Arbeit, die vom Prinzip Collage bestimmt ist.

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Durch die Globalisierung ist nun die ganze Welt zum Spielraum geworden, oder, um mit Heidegger zu sprechen, zum „Zeit-Spiel-Raum“. Die „Global Player“ sind angesagt, gleich mit welchem Zungenschlag und Diktion. All the world’s a stage? Eine Bühne für wen? In einer Tragödie, Komödie oder gar Tragikomödie? Anstatt in vorgestrigen Kategorien des „Kampfes der Kulturen“ zu denken und zu agieren, sollte man lieber die Welt als Spiel begreifen, als Welt-Spiel also. Diese Metapher reicht von der frühen Menschheit - vom indischen Vedanta und den Anfängen der Philosophie im alten Griechenland – über das „theatrum mundi“ des Mittelalters und des Barock bis hin zu Nietzsche, zu dessen zentralen Themen das Weltspiel gehört, beispielhaft verkörpert in Heraklits Fragment B 52: Die Zeit (aion) ist ein Kind beim Brettspiel, eines Kindes ist die Herrschaft. Es ist die Leistung Nietzsches, das spielende Weltkind aus dem Bereich des Mythos in den des modernen – und postmodernen – Denkens geholt zu haben, indem er die Weltzeit, also das Kind, das spielt, nicht nur mit Zeus sondern mit dem Künstler identifiziert, dessen immer neu erwachender Spieltrieb andere Welten ins Leben ruft und sie gesetzmäßig und nach inneren Ordnungen formt.

In einem stimmen wir Heutigen allerdings ihm nicht mehr zu, dass dieses Spiel jenseits von Gut und Böse sei. Stattdessen betonen wir die Regelhaftigkeit des Spiels, la règle du jeu, ohne das kein Spiel möglich ist. Auch das Diskontinuierliche muss letztlich im Regelwerk enthalten sein. Dies zu kalibrieren scheint mir das zentrale Problem des heutigen Weltspiels.

 

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So muss meine gesamte Arbeit als imaginäre Installation begriffen werden. Damit wird die Unterschiedlichkeit meiner Genres – Gemälde, Aquarelle, Skulpturen, digitale Collagen, Künstlerbücher, Schriften – verständlich. Diese imaginäre Installation stellt meine Welt auf.

 

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Die Konzeption meiner Kunst muss notwendigerweise sich für das künstlerische Unbewusste in Malerei, Skulptur und Collage öffnen. Nur so kann sie das für jede Kunst notwenige Geheimnis aufbauen. Erst diese enigmatische Struktur ermöglicht es ihr, in eine symbolische Kommunikation mit dem Betrachter, in einen Dialog also, einzutreten.

 

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Mein Werk sehe ich als Vergegenwärtigung von Erinnerungsräumen, ja, als diachrones Welt- und Mysterien-Theater im Medium des Bildes. Diese Einbildungskraft führt mich als Künstler zur Vision eines Welttheaters, in der diese Figuren der Imagination über die Zeiten hinweg sich zusammen präsentieren.

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Diese Erinnerungs- und Denkräume können sich auch auf reale Räume beziehen, z.B. auf Italien oder andere Landschaften. Der imaginäre Bild-Raum strukturiert meine Kunst. Künstlerische Räume haben immer eine deutliche Tendenz zum „Gesamtkunstwerk“. Allerdings ist in meiner Welt – wie in der Welt überhaupt – jeder Teil selbst ein Ganzes, eine Gesamtheit (und vice versa).

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Den utopischen Aspekt meiner „Weltmontage“ sehe ich in der „tragisch-dionysischen Welt“. Nietzsche hat diese Konzeption einer bejahenden Weltsicht auch und vor allem angesichts des Leidens, der Schrecknisse und der Widersprüche unserer Welt entworfen. Die Genealogie des Künstlers wäre der Possenreißer, Lügenerzähler, Hanswurst, Narr, Clown, Gil Blas. „Denn in solchen Typen hat man die Vorgeschichte des Künstlers und oft genug sogar des Genies“ (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft). Hier ist auch der Ursprung meiner Ungeheuer und Dämonen, die ich genauso fürchte und liebe – wie Fellini!

 

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Das moderne Mysterium der Kunst kann meiner Überzeugung nach nur parodistisch erscheinen, da die Parodie und die Ironie die Ambivalenz, die Multifokalität, das Perspektivische, „das Eine“ wie auch „das Andere“ gewährleisten. Deshalb bediene ich mich auch – wie seit der Pop Art üblich – der Strategie der „Appropriation“, d.h. dem Einfügen vorgefertigter Bildteile in die Kunst.

 

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Es gibt in meiner Arbeit eine Tendenz zu dem, was Deleuze/Guattari ein "Rhizom" bezeichnen. Letzterer Ausdruck stammt aus der Botanik und beschreibt dort ein unterirdisches Sprossensystem einer Pflanze.

 

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Ein wichtiges Sujet meiner Kunst ist Schönheit und Eros. Meine Akte sind – wie alle klassischen Akte im „Abendland“ – paradiesische Projektionen. Es sind Körper mit einem „Gnadenkleid“, wie uns der Theologe sagt (Erik Peterson). Eros ist Konstruktion, Tod Destruktion, wie Freud klarmacht. „Schönheit ist aber nichts als das Versprechen des Glücks.“ (Stendhal) Aus der Konstruktion folgt in meiner Kunst Destruktion und aus der Destruktion folgt Konstruktion.

Nov 14

 

 

 

Heribert Heere

MALER  COLLAGIST  ESSAYIST