Venus:

 

Diese Skulptur bietet vier verschiedene Ansichten: einmal erscheint eine bemalte Figur, eine Bikini-Schönheit darstellend, in einem Hartschaum stehend innerhalb des golden bemalten kastenförmigen Gebildes vor einem Modelgesicht, in das einige Motive von Hieronymus Bosch collagiert sind. Natürlich ist hier Venus – Aphrodite gemeint, die mythische Gottheit der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Freuden, deren Entstehung sich aber einem monströs gewalttätigen Akt verdankt: Kronos hieb auf den Rat seiner Mutter Gaia (der „Erde“) mit einer Sichel die Geschlechtsteile seines Vaters Uranos ab und warf diese ins Meer. Aus dieser Mischung aus Meer, Sperma und Blut wurde Aphrodite geboren und wir gehen nicht fehl in der Annahme, dass erst die Kastrierung eines Ur-Vaters, die nach Freud den Beginn der Kultur kennzeichnet, die Liebe in all ihren Variationen und Bedeutungen hervorbrachte. In meiner Skulptur sind die Beine der „Schaumgeborenen“ ganz umhüllt, was an gewisse schäumende Praktiken der Disco-Szene erinnert.

 

Diana:

 

Die gegenüberliegende Seite ist einer anderen wichtigen antiken Gottheit gewidmet: Diana oder Artemis. Während Venus sich direkt von einem titanischen Urgott ableitet, ist Artemis die Tochter von Zeus und die Schwester des Lichtgotts Apollo, entstammt also dem neuen Götterpantheon, dessen Chef Zeus seine Vorväter und –mütter, die „Titanen“, in den dunklen Urgrund verbannt hatte, aus dem sie aber immer wieder drohend hervorlugen. Wir sehen ein Porträtfoto eines Models mit Sonnenbrille und eine golden bemalte handelsübliche Maske vor einem bemalten Hintergrund und darunter eine kleine Szenerie mit drei Figürchen. Ein dunkelhäutiger Mann im Trikotbadeanzug fotografiert oder filmt zwei Bikini-Schönheiten. Eine alltägliche Szenerie, wie man sie an jedem beliebigen Strand sieht, so dass in Zeiten der Smartphones mit ihren hochauflösenden Instant-Kameras der voyeuristische Grundton gar nicht mehr bemerkt wird.

 

Heribert Heere

KÜNSTLER