Antonius, einer der zahllosen Eremiten in der oberägyptischen Wüste des 4. Jahrhunderts n.Chr., die fast nichts zu sich nahmen und in antiken leeren Sarkophagen schliefen, wollte mit allen asketischen Mitteln die Imagination abtöten, mit einer Ausnahme, nämlich der christlichen. Er erreichte das Gegenteil: Wollüstige Frauendämonen umgaukelten ihn und phantastische Ungeheuer zwickten und zwackten ihn. Alles Werke des Teufels.

In Flauberts „Die Versuchung des hl. Antonius“ quellen dann die Erinnerungsräume über, bilden strahlende Phantasmagorien a la Hollywood: Alexandria in der Epoche der Gemetzel, Konstantinopel mit dem Exil, und bald darauf alle Häretiker, die gekommen sind, den Tag zu schmähen seit der Entstehung des Christentums; hinter ihnen die Gottheiten, die ihre Tempel und ihre Getreuen vom tiefen Indien bis an die Ränder des Mittelmeerraums hatten; schließlich die Figuren, die so alt sind wie die Zeit – die Sterne in der Tiefe des Himmels, die gedächtnislose Materie, die Wollust und der Tod; die hingestreckte Sphinx, die Chimäre, alles das, was in ein und derselben Bewegung das Leben und die Illusionen des Lebens entstehen lässt". (Michel Foucault)

In meiner „Versuchung“ ist das Personal etwas bescheidener, schon aus Platzgründen. In und auf dem skulpturalen Bild-Relief tummeln sich als Fotoreproduktion der hl. Antonius mit Monstern in der Art von Hieronymus Bosch, davor ein Messer zwischen zwei Ohren, als Kleinskulptur nach Boschs Bildeinfall im rechten Flügel des Triptychons „Der Garten der Lüste“ modelliert. Eine Halbfigur eines späteren Kollegen des hl. Antonius, der hl. Franz, dessen untere figürliche Hälfte den Korpus eines synkretistischen Pop-Monsters oben rechts bildet, komplettiert die Szenerie, deren Hintergrund mit phantastischen amphibienartigen Wesen bevölkert ist.

Unten steht eine metallisch glänzende weibliche Figur mit dem Rücken zum Betrachter, ihre Vorderseite eingehüllt in ein schaumartiges grünes Gebilde, das sich bei näherem Hinsehen als Spülschwämmchen entpuppt. Rechts neben einem grauen Rundstab steckt ein weißes spatenartiges Gebilde aus Kunststoff in der grau-braunen malerischen Farbmasse, oben mit einer pink-farbenen Halterung. Zuoberst aber zwischen einer Hamburger-Weihnachtskugel und dem Popmonster überragt alles die weiße Figur eines Bacchus, griechisch Dionysos; in der erhobenen linken Hand einen Weinpokal und mit der Rechten eine Weintraube haltend. Ein Satyr-Putto sitzt zu seinen Füßen.

Bei diesem Skulpturen-Relief, das aus handelsüblichen preiswerten Figuren - Nachbildungen von hochkünstlerischen Werken der Vergangenheit, aus Nippes und aus bearbeiteten Haushaltsgeräten besteht, steigt aus dem Boden eine erste Welt der hart aufeinandertreffenden Widersprüche auf mit zwei Typen der christlichen Askese, einmal dem Versuch der Abtötung einer überbordenden Sinnlichkeit (Antonius) und das andere Mal mit einer Natureinfühlung und sozialer Barmherzigkeit (Franziskus). Im Hintergrund die wogende und brodelnde Ursuppe mit einem wabernden tierisch-pflanzlichen Leben, das sich anschickt, aufs Land zu kriechen und in die Lüfte sich zu erheben. Alles irgendwie bizarr, chimärisch, düster, ungelöst, un-erlöst, evolutionär.

Ganz anders dagegen die obere Sphäre: Rein-Weiß und strahlend präsentiert sich die dionysische Welt, nur gebrochen durch die moderne Konsumkultur mit ihrer Phantastik.

 

 

 

Heribert Heere

KÜNSTLER