Alexandrina Slavescu: Die Macht der Bilder

 

In der Bibel steht: am Anfang war das Wort. So wie Heere malt, könnte er durchaus behaupten: am Anfang war das Bild. An der Wurzel des Bewusstseins jedoch fallen Bild und Wort zusammen, als Ausgleich (und Ausdruck) für die Abtrennung vom Ursprung und Bildung von Individualität. Keine Vorstellung ohne Verstehen, kein Verstehen ohne Vorstellung. Daraus erklärt sich auch die Doppelgleisigkeit der Arbeitsweise von Heere. Er macht Bilder und Texte: Gleichsam in ein und derselben Geste. Beim Anblick dieser Bilder fällt einem Shakespeares Satz in einer entscheidenden Abwandlung ein: Nicht die Zeit, sondern die Welt selbst ist hier aus den Fugen geraten.

 

Wie wuchernde Traumbilder brechen die Bildfragmente hervor. Rätselhaft ist das Sichtbare. Es wirkt entweder wie ein Bilderspringbrunnen, der unmittelbar der sich erinnernden Seele des Malers entspringt oder wie ein zufälliger Bilderregen, der ebenso unmittelbar in die Trichterseele des Künstlers hineinströmt. Ob dem Maler die Bilder ein-fallen, oder ob sie aus ihm heraussprudeln ist letztlich nicht wichtig. Wichtig ist, dass er sich selbst zum Tor der Welt macht, der inneren und der äußeren.

 

Durch dieses Tor finden die Bilder alter Meister, wie Michelangelo, Fra Angelico, Giotto oder Guido Reni und auch aktuelle Fotos aus der Tagespresse oder Werbebilder aus Zeitschriften einen Eingang. So entstehen eigenartige, farbenprächtige Bildteppiche, die von Simultankontrasten durchdrungen sind. Die Paradoxien im Bildinneren erzeugen eine Spannung und einen Riss. In Heeres Bildern ist Leben in Begriff zu geschehen. All das, was  in der Welt erscheint hat hier die Berechtigung sichtbar gemacht zu werden. Er ist also nicht nur ein Bildcollagist, sondern auch ein Zeitcollagist, denn er fügt nicht nur Bildwerke aneinander sondern auch Bildepochen.

 

Man könnte die Zusammenkunft dieser Bilder für willkürlich halten. Doch Heere malt nicht weil er will, sondern weil er muss. Er arrangiert und übermalt ein Bild aus der Kraft seines Seinswissens. Er weiß um die Macht der vergangenen Bilder, die in uns fortleben, denn wie er sagt: Nichts ist gegenwärtiger als die Vergangenheit. Doch, in welcher Weise leben all diese Bilder der alten Meister in uns, all diese Marien- und Christusbilder, die unser tiefstes Inneres prägen und unser Unbewusstes lenken? In welcher Weise leben sie in einer Welt, in der flutartig die Bilder von Werbung und Medien über uns hereinbrechen? Mit einem sicheren Gespür für den Zeitgeist versucht der Künstler dies freizulegen. Sollen doch die Bilder im Bild um Vorherrschaft kämpfen.

 

In der realen Welt suchen wir den Himmel und fürchten die Hölle. Auf den Bildern jedoch erscheint beides zugleich. Wir, die Betrachter, werden bewusst oder unbewusst von der Vertrautheit der vorkommenden Motive angehalten, den Riss im Inneren der Bilder zu kitten und die Motive nach etablierten Strukturen zu ordnen. Doch das Bild steht vor uns mit seiner eigenen Realität und wirkt wie eine Störung in den klischeeartigen Evidenzen unserer Welt. Was werden wir bei so einem Anblick tun? Nicht das Unsichtbare ist das Geheimnis, schreibt Heribert Heere in seinen Aphorismen, sondern das Sichtbare. In diesem Gedanken steckt das innerste Programm seiner Bilder.

 

In den Bildern der alten Meister herrschte die Erhabenheit und die Eindeutigkeit der Erkenntnis. Ihr Zentrum war Gott. Ein Bild war klar und sprach eine absolute Wahrheit aus. Heute, gemäß Nietzsches Befund, dass Gott tot sei, gibt es nicht mehr die Möglichkeit einer eindeutigen Aussage. Da die Zeichen nicht mehr auf die Eindeutigkeit einer Transzendenz hin organisiert werden können, gibt es auch keine eindeutige ikonologische Grammatik mehr. Die „Realien“ einer transzendentalen Weltordnung sind entwirklicht, sagt Heere. Dies ist der Grund warum das Gute und das Böse zugleich in seinen Bildern erscheinen. Und dies ist auch der Grund für die Transparenz seiner Bilder. Alles ist möglich. Seit dem wir an NICHTS mehr glauben, glauben wir an ALLES.

 

Bilder bilden also nichts mehr ab. Sie repräsentieren nicht mehr die Welt, sondern fangen wie ein Schmetterlingsnetz die frei flotierenden Zeichen der Welt ein. An die Stelle der herkömmlichen Repräsentation von Welt, tritt so etwas wie Weltstiftung ein. Der Künstler bringt Welt zur Welt. Es gibt hier also nichts mehr zu deuten, nichts zu interpretieren, weil es nichts mehr „an sich“ gibt. Deswegen kann der Künstler nichts mehr „an sich“ darstellen. Somit bietet sich die Collage als die einzige Methode der Arbeit an. Sie ist diejenige, die Grenzen offenbart und sie ist diejenige, die Grenzen überschreitet.

 

Das Bild mit dem Titel „Der Blick“ zeigt Michelangelos Gottvater unter einem himmlischen Pechregen. Er schaut hinab auf eine nackte Frau, die sich im Spiegel betrachtet. Er scheint über ihre Eitelkeit erzürnt zu sein und darüber, dass sie sich selbst zu genügen scheint. Sie schwelgt in ihrer eigenen Laszivität. Sie träumt vor sich hin und ist erfüllt von sich selbst. Es ist als ob Gott bei der Menschwerdung zuschauen würde. Ein ungewöhnlicher Gedanke. Der Mensch wird zum Menschen im Augenblick der Reflexion, da er sich selbst im Spiegel erkennt. Das ist auch der Augenblick des göttlichen Zorns.

 

Nehmen wir die Bildserie „Himmel und Hölle“. In jedem der sechs Fenster öffnen sich weitere Fenster durch die wir verschiedene Bildausschnitte sehen, die wie An- oder Aussichten aus historischen oder modernen Zeiten anmuten. Das Bild sieht wie ein an allen Fenstern geöffneter Adventskalender aus, der durch die Kulturgeschichte der Menschheit führt. Die historische Dimension des Guten und des Bösen, der zwei gegensätzlichen Kräften, zwischen denen die Existenz des Menschen verläuft, wird hier sichtbar gemacht. Um den Voyeur in uns zu wecken, gewährt uns Heere nur kleine quadratförmige Einblicke. Der Rest ist, wie er selbst sagt, „positive Negativität“. Er übermalt um hervorzuheben: das Wesentliche und das Wesenhafte. Kulturgeschichte in Bildern.

 

Betrachten wir des Weiteren das Bild: „Das Auge“. Aus der Kälte des Meeres oder des Universums blickt uns das blaue Auge Gottes an. Bei genauerer Betrachtung erkennen wir darin das Auge einer schönen Frau, vielleicht eines Models aus einer Werbung. Unter dem Auge sehen wir eine altgriechische Ikone. Das Gesicht des Heiligen zwingt uns zur Assoziation mit dem Gottesauge. Auch hier erbringt Heere einen subtilen Hinweis auf die Allgegenwart Gottes. Allerdings geht es hier nicht um das wachende Auge Gottes, das dem Menschen Respekt und Furcht einflößen soll, sondern es ist die sakrale Dimension, die dem Profanen innewohnt. Das Erhabene ist es also, das uns aus allem was ist, anblickt.

 

In all diesen Bildern scheint Heere das verloren gegangene Bild Gottes zu suchen. Er sucht es in allen Winkeln der Welt, in allem was erscheint. Wie ein emsiger Archäologe sammelt er die Scherben Gottes ein und kleistert sie zu einem Bild zusammen. Es ist wie eine Obsession: alles, was da ist, wird durch seine Sichtweise zum Bild. Dieser Vorgang der Sichtbarmachung einer Erscheinung  heißt: Ikonen schaffen.

 

Nur Himmels- und Höllenbilder können Ikonen sein. Denn nur sie können uns bewegen, nur sie rütteln an der Tür unserer dahinplätschernden Alltäglichkeit. Die collagistische Ikonisierung steigert das Bild bis es das Unsichtbare auf die Sichtbarkeit hin zu transzendieren vermag. Nur Himmels- und Höllenbilder sind sichtbar. Nur sie üben Macht aus.

 

(2004)

 

 

Heribert Heere

KÜNSTLER