Pravu Mazumdar: Weltmontage

 

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Heeres Arbeiten haben eine einzige Obsession. Aus der ganzen Länge ihrer Bildbahnen, diesem tropischen Unterholz ineinandergeschobener Leiber, dem vegetabilen Räderwerk aus Schenkeln, Busen, Lippen, dem Fang- und Fallenblick all dieser Frauenaugen blickt uns eine einzige Geliebte entgegen: die Welt. Die flammende Polygamie dieser Bilder verrät jene heimliche Leidenschaft und schamhafte Monogamie, die allen zarten Anfängen innewohnen. Nur handelt es sich hier nicht um das Ereignis selbst, sondern um Wiederholung: um die wiederholende Zerlegung oder Analyse jener Anfänge. Mit ihrer konstitutiven Kuhruhe käuen diese Bilder ihre unverlierbare Hochzeit mit der Welt wieder. Aber die Welt ist eine Hure: sie ist nicht eine, sondern viele Frauen. Soviele Bilder: so viele Blicke: so viele Frauen. Die Liebe zur Welt ist eine Liebe zu vielen Frauen. Plötzlich stürzt aus der monogamen Weltliebe dieser Bilder der Brunnen einer ungebändigten Polygamie hervor.

 

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Wie ein winziger Mond umkreist diese Arbeit die Welt. Damit bekommt sie - in einer bemerkenswerten Fortführung der Kopernikanischen Wende - die Welt selbst zu Gesicht. Von seiner eigenen Bewegtheit aus öffnet sich das Bild für die Welt.

Und das Licht der Welt trifft den in sich kreisenden Augenmond dieser Bilder als eine spezifische Antwort auf ihre Bahnungen und lässt die Welt in einer seltsamen Neuheit erglänzen, lässt sie zerbrochen, zusammengesetzt und überbordend in Erscheinung treten. Auf den Glanz der Bilder antwortet der weltende Glanz des Neuen.

 

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Die Welt ist zugleich Fall, Einfall und Erscheinung. Sie muss fallen, muss in das Bild einfallen, um überhaupt in Erscheinung treten zu können. Dabei handelt es sich um eine Verzögerung oder Retardierung. Die eigentümliche Glut und Atmosphäre des Bildes greifen die fallende Welt auf, greifen sie an, zerlegen und setzen sie erneut in ihrem leuchtenden Überfluss zusammen. Durch solche Retardierung verwandelt sich die automatisierte Wahrnehmung in ein Wahrnehmungsereignis, und die Welt erglänzt, in einer Art Neugeburt, wie zum ersten Mal, tritt damit allererst in Erscheinung. Als Einfall durchbricht und zerlegt die Welt das Bild. Als Retardierung leistet das Bild eine überbordende Analyse der Welt. Welt und Bild sind sich gegenseitig Analyse und Offenbarung.

 

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Aber die Welt ist längst nichts Fertiges, während sie ins Bild fällt. Sie ist kein fertiger Inhalt, der eine dazugehörige Form finden oder erfinden muss. Sie ist wesentlich Resultat (einer Transformation). Und das Bild ist nicht diese gesuchte oder gestiftete Form, sondern wesentlich Kraft (einer Transformation). Somit verschiebt sich der Blick von Form und Formation auf Kraft und Transformation. Heeres Bilder sind welterzeugende Kräfte. Sie greifen die Welt auf als eine gegebene Bündelung von Kräften; sie entflechten diese Kräfte, dass Welt aus ihnen entflieht; und sie flechten sie erneut zusammen, so dass die Welt in ihrer konstitutiven Neuheit leuchten kann. Das Weltei ruht im Netz der collagierten Kräfte, durchbrochen von ihren Maschen. Jede Masche: ein Bild. Jedes Bild: ein Sprung im Weltei. Indem Heeres Bilder das Entstehen und Zerfließen von Welt studieren, sind sie Kosmologie und Kosmogonie in einem.

 

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In ihrer souveränen Schönheit hält also die Welt Einzug ins Werk. Das geschieht in zwei Schritten, die zugleich Retardierung und Vollführung dieses Einzugs sind. Erster Schritt: die Reduktion von Welt, d.h. die Auseinanderlegung der Welt als eines Kräftebündels und der Rückstieg auf ihre elementarsten Keimkräfte.

 

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Zweiter Schritt: die Wiederkehr von Welt. Diese Wiederkehr ist nicht bloß ein Nachfolgeschritt zur anfänglichen Dekomposition oder Reduktion. Sie ist im Wesen dieser Reduktion selbst angelegt. Die Tendenz zur Abstraktion bei Heere besteht nicht in einer mechanischen Abziehung der Gegenständlichkeit von einem Phänomen, sondern im Überborden dieser Gegenständlichkeit. Wenn sich das Abstrakte in diesen Arbeiten meldet, dann nicht im Modus der bloßen Abwesenheit oder der Negation von Gegenständlichkeit, sondern der Bejahung, des Zuviel, der Wiederkehr und Verdoppelung von Gegenständlichkeit. Es handelt sich um eine überbordende Abstraktion im Zeichen einer ekstatischen Gegenständlichkeit. Die Welt der Gegenstände als eine Welt der Identität gerät in die Unruhe einer rückhaltlosen Bejahung, und alle Negation wird von einer obsessiven Wiederholung der Gegenständlichkeit aufgesogen. Im Element dieses Überbordens verzerren sich jene alltäglichen Proportionen aus Farbe, Form, Linie, Inhalt, in denen wir die normale Gegenständlichkeit wiedererkennen.

 

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In Heeres Arbeiten wird die überfließende Welt in ihre Elemente auseinandergelegt, also analysiert, und sogleich wieder zusammengesetzt, also synthetisiert. Aber es handelt sich dabei um eine überfließende Synthese, um ein überfließendes Bild der überfließenden Welt. Deshalb beschäftigen sich diese Arbeiten mit ihrer ausladenden Insistenz mit den Phänomenen des Überfließens: dem luxurierenden Glanz von Gold, Glamour, Eros. Im Element des Zuviel tritt die Welt in Erscheinung. Im Element seines eigenen Überfließens offenbart sich die in ihrem Wesen exzessive Welt.

 

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Doch vermögen diese Bilder, genau genommen, nicht wirklich den Exzess zu offenbaren. Sie erscheinen eher als eine Anzeige des Exzesses, der, mit seinen grotesken Übertreibungen und seinem Karnevalslachen keine sichtbare Gestalt, sondern eher eine beunruhigende Kraft darbietet. Eine Darstellung des Exzesses impliziert die Überschreitung eines normierenden Maßes. Somit bringt sie mit sich das Problem der Vergrößerung, Verkleinerung, Verzerrung, Reduzierung, kurz: des Hässlichen und der negativistischen Abstraktion.

Die Arbeiten Heeres betreiben aber keine Verhässlichung des Schönen. Eher lassen sie sich von der Schönheit der Welt umgarnen, der sie verfallen sind und die sie wiederholen und wiederholend beantworten

Lessing definiert das Schöne als den Unterschied zwischen der hässlich-verzerrten Wirklichkeit des Exzesses (Tod, Schmerz, Orgasmus usw.) und der darauf verweisenden Kopie (Kunst) des anfangenden bzw. beendeten Exzesses.

Dieser Definition fügt sich mühelos das Wort Rilkes vom Schönen als des Schrecklichen Anfang. Damit kann das Schöne nicht mehr die einfache Offenbarung des Exzesses sein - jene Offenbarung der Welt in ihrer Wiederkehr, ihrem Überborden und Dahinschwinden -, sondern gibt sich als fundamentale Zurückhaltung , als eine bloße Anzeige des Exzesses aus. Das Schöne macht den Exzess keineswegs sichtbar, der nichts anderes sein kann als Überschreitung und Verschwinden, und daher wesentlich unsichtbar, vielleicht überhaupt das Prinzip des Unsichtbaren ist. Das Schöne macht vielmehr den Exzess denkbar.

Das überbordende Bild: das ist die sichtbare Maske einer wesentlich unsichtbaren Welt

 

(1997)

Heribert Heere

MALER  COLLAGIST  ESSAYIST