Heiliger Konsum

So entsteht in meiner Serie von digitalen Collagen mit dem Titel „Heiliger Konsum“ durch die Überlagerung von Bildern aktueller Werbung mit Motiven der religiösen Malerei des Mittelalters und der Renaissance wie auch des indischen Pop-Götterhimmels[i] einerseits eine Interdependenz in Richtung von der Religion zur Werbung, andererseits von der Werbung zur Religion.

Zwar ist heute neben der global exzessiven Ökonomie die Religion in ihrer Bedeutung als fiktionale Welt der Affekte, Emotionen und Begehrlichkeiten zurückgetreten, doch ist beiden eine massive Tendenz gemeinsam, ihre hochstilisierten Ikonen nicht als Selbstzweck, sondern als mehr oder weniger verborgene Aufforderung zu einer anderen „höheren“ Welt, zum Konsum und zur Transzendenz zu verstehen.

 

Dabei geht es mir nicht um bloße Konsumschelte und schon gar nicht um Religionskritik. Vielmehr intendiere ich das, was Michel Foucault die „nicht-positive Affirmation“ genannt hat[ii]. Er charakterisiert damit George Batailles Kategorie der „Überschreitung“, die nichts Verneinendes, sondern etwas Bejahendes, eine Bejahung der Teilung, der Differenz hat. Sie ist „die sonnige Kehrseite der teuflischen Verneinung; sie hat Teil am Göttlichen, oder besser noch, sie eröffnet von jener Grenze her, die das Sakrale anzeigt, den Raum, in dem das Göttliche sich vollzieht“.

 

Die Differenz besteht in meinen Arbeiten zwischen den Strategien des Sichtbaren und dem, was sich mittels dieser Strategien ereignet. Im komplexen Spiel der Wiederholungen und Zeichen taucht eine ursprüngliche Textualität der Bilder auf, vorgeprägt durch die ersten Ritzungen des Menschen, weitergeführt in der griechischen Doppelbedeutung von „eidos“ sowohl als „Urbild“ wie auch als „Idee“. Vielleicht ist das der Grund, warum ich – wie viele andere Künstler – heute die Strategie von „Differenz und Wiederholung“[iii] wählen: Idee und Bild als Bild und Text erscheinen zu lassen, also nicht mehr darauf vertrauen zu können, dass sich irgendwo im Innersten des Bildwerks nach den notwendigen Abschlägen und Zurichtungen gleichsam strahlend die Idee öffnet, sondern dass sich im Äußersten des Werks, im Oberflächlichsten etwas zeigt, was sich mir als die Textualität des Bildes erschließt und was man im Gegensatz zur „normalen“ diskursiven Sprache eine multivalente, poetische, stumme Sprache der Bilder nennen könnte.

 

Im Folgenden sollen zwei Hintergründe meiner Serie „Heiliger Konsum“ kurz entfaltet werden.

 

 

Kapitalismus als Religion

 

Dass es substantielle Verwandtschaften zwischen der Sphäre der Religion und der des Kapitalismus gibt, zeigt Walter Benjamin in einem Fragment mit dem Titel „Kapitalismus als Religion“, das um 1921 geschrieben wurde[iv]. Das Christentum, so seine These, hat sich in den Kapitalismus umgewandelt, weil er schon immer „parasitär“ im Christentum eingelagert gewesen sei bzw. in interner Verbindung mit ihm stünde; die Geschichte des Christentums ist die des Kapitalismus. Kapitalismus sei also nicht nur Gegenreligion, sondern befinde sich hinsichtlich Herkunft und Geltung in innerer Wahlverwandtschaft mit dem Christentum.[v] Damit wäre jegliche Idee von Erlösung hinfällig, da der Kapitalismus als Religion nicht im Zeichen von Erlösung, sondern von Schuld stehe: „Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus“. Schuld und Erlösung bedingen sich jedoch gegenseitig.

               Die Metapher der „Erlösung“ ist der Sphäre des Geldes entnommen („Erlös“, „Loskauf“ etc.). In der christlichen Ökonomie des Heils nimmt die Metaphorik des Geldes eine Mittelstellung ein. Auf der einen Seite steht sie in Kontakt zu den Metaphernfeldern, die der Tauschlogik entstammen und die Verhältnisse von Geben und Nehmen betreffen. Die Gabethematik konzentriert sich hier auf den Titel der „Vergebung“ und verweist weiter auf die Metaphoriken der Gabe und der Liebe. Auf der anderen Seite steht die Geldmetaphorik in Kontakt mit der Opfersemantik. Geld mit den Attributen flüssig und liquid verweist weiter auf Liquidation, Liquidität (Blut) und Sühne, die in dem Begriff der „Versöhnung“ (Sühne) Ausdruck findet. Liquidation und Sühne verweisen wiederum auf Vergeltung und Gewalt.[vi]

Daraus wird klar, wie stark die christliche Konzeption der Erlösung mit dem Begriffsfeld der Gabe verbunden ist. Das gesamte Metaphernfeld des Gottmenschen Jesus Christus und seine Wende vom Unheil zum Heil ist um zwei Brennpunkte zentriert, wovon der eine durch die Liebes- und Gabethematik, der zweite durch die Vergeltungs- und Gewaltthematik gebildet wird. Damit sind in der christlichen Ökonomie die Doppelstrukturen des Tausches ineinander verschränkt – die friedensstiftende Form und der antagonistisch-destruktive Typus der Gabe.

 

 

Heiliger Konsum: Weiße Messen und Konsumhöllen

 

Jean Baudrillard hat in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein metaphorisches Stichwort gegeben, das die Sphäre des Konsums in ein quasi religiöses Reich hob[vii]: Was wir heute erleben, sei eine „weiße Messe“ ohne Kirche oder Heilsökonomie, aber mit der stets aufflackernden Hoffnung auf das magische Glück beim Kauf des nächsten begehrten Objekts. Die abgelegten vitalen Energien treten den arbeitenden Konsumenten im Warenhaus als ein ihnen Fremdes in Gestalt der tausendfältigen wunderbaren Warenwelt gegenüber, die ihnen letztlich genau jene Lebensfreude nimmt, die sie durch harte Arbeit und der dazu notwenigen Askese sich eigentlich „verdienen“ wollten. „Je weniger das Abgespaltene integriert und wieder im Verzehr inkarniert werden kann, umso mehr muss jedoch konsumiert werden und umso mehr wächst die Zahl der Zeichen für den unerreichbaren konkreten Genuss.“[viii]

 

Die „weiße Messe“ Baudrillards ist eine Anspielung auf die „schwarze Messe“ der Satanisten mit ihrer Blasphemie der „heiligen Messe“. Die Rituale einer schwarzen Messe funktionieren letztlich nur für diejenigen, die an das, was hier pervertiert wird, nämlich an die religiösen Gehalte, glauben. Mit dem Zerfall eines allgemeinen Anspruchs des Christentums zerfällt auch dessen Negation. Der Begriff der weißen Messe wäre also die Positivierung der Negation einer Negation. Die weiße Messe verweist auf den „verfemten Teil“[ix], also auf jenes Abgespaltene, das als unheimlicher Widergänger einer Religion ohne Religion die weißen Messen des Konsumismus zelebriert.

 

In den Konsumhöllen sind die Konsumenten nicht nur dazu verdammt, einzukaufen, sondern sie müssen auch ausgesuchte Qualen erdulden: die Qual der Wahl, des Mangels, den es auszumerzen gilt, des Zeitverlusts beim Suchen, der Enttäuschung danach und schließlich der Überforderung angesichts der Überfülle der Waren.

 

Der Konsum ist jedoch nicht nur der ökonomischen Sphäre zuzuordnen, sondern garantiert auch die Aufrechterhaltung der symbolischen Ordnung. Selbst Einkaufen fungiert als eine Art von Gottesdienst: Weit davon entfernt, die Essenz der Gottlosigkeit darzustellen, wie unvermeidlich behauptet wird, manifestiert sich im Einkaufen als Ritual die unendliche Suche nach einer Beziehung zu Gott[x].

 

 

 

[i] zur künstlerischen Aneignung einstmals fremder, inzwischen aber globalisierter kultureller Kontexte, wie etwa den der indischen Pop-Götter, siehe Nicolas Bourriaud, Radikant, Berlin 2009, S. 110ff

[ii] Michel Foucault, Vorrede zur Überschreitung, in: M.F., Schriften I, Frankfurt 2001, S. 326f

[iii] Gilles Deleuze, Differenz und Wiederholung, München 1997

[iv] Walter Benjamin, „Kapitalismus als Religion“, Ges. Schriften, Bd VI, Frankfurt 1985, S. 100-103

[v] Joachim von Soosten, Schwarzer Freitag: Die Diabolik der Erlösung und die Symbolik des Geldes, in: Dirk Baecker (Hg.), Kapitalismus als Religion, Berlin 2009, S. 123

[vi] Ibid., S. 126

[vii] Jean Baudrillard, La societe de consommation, Paris 1974

[viii] Gabriele Sorgo, Abendmahl in Teufels Küche,Wien-Graz-Klagenfurt 2006 , S. 23

[ix] Georges Bataille, Der verfemte Teil, in: G.B., Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985

[x] Daniel Miller, A Theory of Shopping, Cambridge 1998, S. 131