Christus

Beim Betrachten dieser „Christus“-Collage sollten wir uns vor Augen halten, dass es sich dabei um Abbildungen handelt, die von mir ausgeschnitten und mittels Sprühkleber collagiert wurden.

Ich habe dafür das Gemälde „Christus mit Dornenkrone“ von Frau Angelico aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verwendet

Fra Angelico (1395/99 – 1455) gilt als bedeutender Maler der italienischen Frührenaissance. In seinen Gemälden und Fresken mit ausschließlich religösen Sujets scheint er mystisch inspiriert zu sein, was ihm den Beinamen „Il Beato“ (Der Selige) einbringt. Er ist als Maler auf der Höhe seiner Zeit, der Frührenaissance, befleissigt sich aber bewußt gewisser retardierender Elemente, die bei anderen Zeitgenossen, z.B. Masaccio oder Masolino schon abgehackt waren, wie etwa der Goldgrund. Wenn man die Anzahl prächtig ausgestatteter Bildbände seines Werks in Betracht zieht, gehört er zu den beliebtesten füheren Malern überhaupt, was sicherlich am ausdrucksstarken Stil seiner christlichen Szenarios liegt: gleichzeitig körperlich plastisch illusionistisch und dennoch „transzendent“.

 

„Wie aber lässt sich piktural zwischen einem gewöhnlichen, geheimnislosen Körper und einem Körper unterscheiden, der vom Mysterium getragen wird?“ fragt Georges Didi-Huberman[1]. „Fra Angelico malte vor allem figurae im lateinischen und mittelalterlichen Sinn, d. h. theologische gedachte pikturale Zeichen, die in den Körpern das Mysterium repräsentieren sollten, das über die Körper hinausweist…“ Didi-Huberman analysiert in seinem Buch ausführlich Frau Angelicos Malerei des „Unähnlichen“, die die Erfahrung einer „Inkorporation des Bildes“ auslöst, das gleichzeitig irdisch körperlich und jenseitig eschatologisch ist. Dafür gebraucht er den Begriff der „Präsenz“ seiner Malerei bei aller verweisenden Repräsentation.

Diese Präsenz seiner Malerei, seiner Figuren wie auch deren Umgebung mit fast abstrakten Einsprengseln beschreibt Didi-Huberman im Rückgriff auf mittelalterliche Denker wie Thomas von Aquin als „innere Schau“, als „Vision“, als „Kontemplationsoberfläche“ und als „Inkarnation des Mysteriums“.[2]

In meinem Bild wird durch die Kontrastierung mit den comic ähnlichen Science-Fiction-Strukturen im Hintergrund wird der auf Christus bezogene Bildsinn minimiert zugunsten einer Tendenz zur Verdeutlichung von Transzendenz, die aber nur angedeutet, nicht be-deutet wird.

Die abstrahierende Collagierung erweitert und verstärkt durch ihre Transformation für den Betrachter sowohl die Autonomie und Präsenz des ursprünglichen Kunstwerkes als auch die Autonomie ihrer Transformation durch meine Collage.

 

[1] Georges Didi-Huberman, Frau Angelico – Unähnlichkeit und Figuration, München 1995, S. 12ff

[2] Ibid. S. 110