„Je mehr ich nämlich in der Natur jene allgewaltigen Kunsttriebe und in ihnen eine inbrünstige Sehnsucht zum Schein, zum Erlöstwerden durch den Schein gewahr werde, um so mehr fühle ich mich zu der metaphysischen Annahme gedrängt, dass das Wahrhaft-Seiende und Ur-Eine, als das ewig Leidende und Widerspruchsvolle, zugleich die entzückende Vision, den lustvollen Schein, zu seiner steten Erlösung braucht: welchen Schein wir, völlig in ihm befangen und aus ihm bestehend, als das Wahrhaft-Nichtseiende d. h. als ein fortwährendes Werden in Zeit, Raum und Causalität, mit anderen Worten, als empirische Realität zu empfinden genöthigt sind. Sehen wir also einmal von unsrer eignen »Realität« für einen Augenblick ab, fassen wir unser empirisches Dasein, wie das der Welt überhaupt, als eine in jedem Moment erzeugte Vorstellung des Ur-Einen, so muss uns jetzt der Traum als der Schein des Scheins, somit als eine noch höhere Befriedigung der Urbegierde nach dem Schein hin gelten. Aus diesem selben Grunde hat der innerste Kern der Natur jene unbeschreibliche Lust an dem naiven Künstler und dem naiven Kunstwerke, das gleichfalls nur »Schein des Scheins« ist. Rafael, selbst einer jener unsterblichen »Naiven«, hat uns in einem gleichnissartigen Gemälde jenes Depotenziren des Scheins zum Schein, den Urprozess des naiven Künstlers und zugleich der apollinischen Cultur, dargestellt. In seiner Transfiguration zeigt uns die untere Hälfte, mit dem be-sessenen Knaben, den verzweifelnden Trägern, den rathlos geängstigten Jüngern, die Wiederspiege-lung des ewigen Urschmerzes, des einzigen Grundes der Welt der »Schein« ist hier Widerschein des ewigen Widerspruchs, des Vaters der Dinge. Aus diesem Schein steigt nun, wie ein ambrosischer Duft, eine visionsgleiche neue Scheinwelt empor, von der jene im ersten Schein Befangenen nichts sehen – ein leuchtendes Schweben in reinster Wonne und schmerzlosem, aus weiten Augen strah-lenden Anschauen. Hier haben wir, in höchster Kunstsymbolik, jene apollinische Schönheitswelt und ihren Untergrund, die schreckliche Weisheit des Silen, vor unseren Blicken und begreifen, durch Intuition, ihre gegenseitige Nothwendigkeit Apollo aber tritt uns wiederum als die Vergöttli-chung des principii individuationis entgegen, in dem allein das ewig erreichte Ziel des Ur-Einen, seine Erlösung durch den Schein, sich vollzieht: er zeigt uns, mit erhabenen Gebärden, wie die gan-ze Welt der Qual nöthig ist, damit durch sie der Einzelne zur Erzeugung der erlösenden Vision ge-drängt werde und dann, ins Anschauen derselben versunken, ruhig auf seinem schwankenden Kahne, inmitten des Meeres, sitze.“

 

Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik

 

"The more I become aware in nature of those all-powerful instincts of art, and in them a fervent yearning for appearances, for redemption by appearances, the more I feel compelled to the metaphysical assumption that the true-being and the primordial One, as the eternally suffering and contradictory, and at the same time the delightful vision, the pleasurable illusion, needs for its constant redemption: what illusion we, completely preoccupied with and consisting of, as the true non-existent d. H. as a perpetual becoming in time, space and causality, in other words, needing to be felt as empirical reality. So let us for a moment dismiss our own "reality," if we grasp our empirical existence, as the world generally does, as a representation of the primordial one generated in each moment, then the dream must now appear to us as the semblance of appearance , thus, as an even higher satisfaction of the urge for the appearance of appearance. For this same reason, the innermost core of nature has that indescribable pleasure in the naive artist and the naive art work, which is likewise only a "semblance of appearance." Rafael, himself one of those immortal "naive," has presented us with a similitude-like painting of that depotenziren of appearance to appearance, the primal process of the naive artist and at the same time of Apollonian civilization. In its transfiguration the lower half, with the fat boy, the despairing bearers, the ruthlessly frightened disciples, the re-reflection of the eternal primal pain, the only reason of the world, the "illusion" is here a reflection of the eternal contradiction of the Father of things. Out of this appearance, like an ambrosial fragrance, rises a visually identical new illusory world, of which those who are caught in the first light do not see anything - a luminous hovering in pure bliss and painless, radiant eyes. Here we have, in the highest art symbolism, that Apolloic world of beauty and its underground, the terrible wisdom of Silenus, before our eyes and understand, by intuition, their mutual necessity. Apollo, however, opposes us again as the deification of the principii individuationis, in which but the eternally attained goal of the primordial one, his salvation by appearance, is accomplished; he shows us, with sublime gestures, how the whole world of torment is necessary, so that through them the individual may produce the redeeming vision. be urged and then, looking at it, quietly on his wavering Kah-ne, in the midst of the sea, sit. "