Obliteration und Fragment

 

Die von Emmanuel Levinas in einem Interview („Die Obliteration“, 2019) skizzierte Idee der Obliteration—der Tilgung oder Auslöschung—ist auf den ersten Blick irritierend: Sie scheint ein Vokabular ästhetischer Zerstörung zu mobilisieren, wo doch gewöhnlich von Schöpfung, Ausdruck oder Erfüllung die Rede ist. Wenn man jedoch genauer hinschaut, zeigt sich, dass Levinas mit „Obliteration“ keineswegs eine aggressive Vernichtung meint, sondern eine radikale Rücknahme des schöpferischen Ich, eine Askese des Autors, die darauf besteht, dem Anderen, dem Unverfügbaren, dem nicht vom Bewusstsein Erledigten Raum zu lassen. Kunst wird hier zu einer Zone ethischer Verantwortung.

Bemerkenswert ist, dass sich dieser Gedanke auf produktive Weise mit einer Form verbinden lässt, die in der Geschichte der Ästhetik immer wieder als Gegenfigur zur Totalität erschienen ist: dem Fragment. Das Fragment—ob als poetisches Bruchstück, als Denkminiatur, als aphoristische Partikel oder als bewusst unvollendete künstlerische Gestalt—verweigert die Illusion eines geschlossenen, allumfassenden Ganzen. Es ist eine Form, die dem Werk seine Vollendung entzieht, es in Schwebe hält, es an seine eigenen Grenzen erinnert.

Im folgenden Essay versuche ich, eben dieser Verschränkung nachzuspüren: Wie lassen sich Levinas’ ethische Tilgungsgeste und die ästhetische Form des Fragments ineinander übersetzen? Was geschieht, wenn die Obliteration als Haltung und das Fragment als Form sich wechselseitig durchdringen?

 

Obliteration: Die ethische Unterbrechung des Künstler-Ich

 

Levinas’ Denken bewegt sich stets in einer Spannung zwischen dem Selben und dem Anderen: Das Selbe will erfassen, beherrschen, identifizieren; das Andere entzieht sich. In der Ethik ist dieser Entzug der Ort der Verantwortung—eine Verantwortung, die nicht aus einem Akt des Willens entsteht, sondern aus einem Impetus, der von außen kommt. Wenn Levinas in seinem späten Interview den Begriff der Obliteration einführt, dann geschieht dies, um die künstlerische Praxis in diese Struktur der Verantwortung einzuschreiben.

Der Künstler, so Levinas, sollte nicht in der Souveränität des Schöpfers verharren, der Formen besitzt, Bedeutungen fixiert, Welten schließt. Vielmehr soll er Welten öffnen.

Er lässt das Dargestellte nicht in einem endgültigen Sinn aufgehen.

Diese wäre dann die Kunst der Obliteration.

 

Das Wort „Tilgung“ bezeichnet hier kein Vernichten, sondern einen Retrait, ein Weglassen, ein Nicht-Überformen. Das Werk wird so zum Ort der Ethik.

 

Das Fragment: Ästhetik der Nicht-Vollendung

 

Während Levinas die ethische Dimension des Zurücktretens formuliert, hat die ästhetische Moderne eine Struktur hervorgebracht, die genau dieses Zurücktretens formal realisiert: das Fragment.

Seit den frühromantischen Fragmenten der Jenaer Schule, über Schlegels Idee der „progressiven Universalpoesie“, bis hin zu Benjamin, Adorno oder Blanchot gilt das Fragment als Form, die nicht vollendet, sondern unterbricht. Es stellt eine ästhetische Selbstlimitierung dar:

Es verzichtet auf das Ganze.

Es bricht den Sinnfluss.

Es lässt Leerstellen, Brüche, Diskontinuitäten bestehen.

Das Fragment ist die antitotalitäre Form par excellence. Während das klassische Werk auf Einheit, Synthese, Harmonie zielt, insistiert das Fragment auf Heterogenität und Unabschließbarkeit. Es ist ein „Rest“, aber nicht im negativen Sinne, sondern als bewusster Widerstand gegen das Geschlossene.

Damit wird keineswegs unterstellt, als sei das klassische Werk in irgendeiner Weise derangiert; es geht hier um Phänomene, nicht um Wertigkeiten. Außerdem muss auch der Künstler des Fragments eine neue spannungsreiche „Einheit“ in seinem Werk schaffen.

 

Fragmentarität als ästhetische Gestalt der Obliteration

 

Die Brücke zwischen Levinas’ Obliteration und dem Fragment ergibt sich aus der gemeinsamen Tendenz gegen die Totalisierung.

Das Fragment ist die ästhetische Realisierung der ethischen Obliteration.

In der fragmentarischen Form verzichtet der Künstler auf die Herrschaft über das Ganze. Er erlaubt dem Werk, offen, unvollständig und brüchig zu bleiben.
Der Künstler hat nicht den Anspruch, das Werk abschließend zu beherrschen.

Levinas betont, dass das Andere niemals in einer Totalität aufgehen darf. Das Fragment—weil es sich selbst unvollständig hält—erzeugt genau jenen Raum des Nicht-Gesagten, Nicht-Einverleibten, Nicht-Fixierten, in dem das Andere auftreten kann.

Die Vollendung eines Werkes ist oft der Ort, an dem Synthese entsteht: ein Ende, das alles integriert, abrundet, abschließt. Die fragmentarische Form aber tilgt das Ende. Sie verweigert dem Werk die finale Sicherheit und hält es in Offenheit.
Damit ist das Fragment nicht nur unvollständig, sondern es macht die Unvollständigkeit zu seiner ethischen Geste.

 

Levinas und die ästhetische Moderne

 

Levinas ist nicht explizit ein Denker der Ästhetik. Aber sein Misstrauen gegenüber totalisierenden Systemen verbindet ihn mit großen Linien der modernen Kunst. Die fragmentarische Form, wie sie in der Moderne auftritt—sei es in der Collage, im aphoristischen Schreiben, im Montagefilm, in performativen Unterbrechungen oder in installativen Lücken—ist ein Versuch, das Werk nicht als geschlossenes Sinngefüge, sondern als Offene zu denken.

Dieses Offene entspricht der ethischen Grundoperation der Obliteration.

Was Levinas als moralische Bewegung des Subjekts beschreibt, tritt in der Moderne als formales Prinzip der Werke selbst auf.

Die Obliteration bedeutet keine Ethik des Verzichts. So können Fragmente geradezu in überbordender Fülle auftreten.

 

Die Beziehung von Levinas’ Obliteration und dem Fragment ist strukturell. Beide artikulieren eine Haltung der Verantwortlichkeit gegenüber dem Unverfügbaren.

Die Obliteration ist die Ethik des Sich-Zurücknehmenden.

Das Fragment ist die Ästhetik des Nicht-Abschließenden.

Beide widerstehen der Versuchung des Ganzen; beide halten den Raum offen für das, was sich entzieht; beide unterbrechen die Gewalt der Assimilation.

Das fragmentarische Kunstwerk ist die Ethik Levinas’ in ästhetischer Gestalt—eine Form, in der die Anerkennung des Anderen in der Form des Unvollständigen, des „Beschädigten“, des Bearbeiteten sichtbar wird.

 

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