Dionysos

Dionysos ist der Gott, der erscheint. Seine Ankunft, seine Parusie kann man in den verschiedensten Gestalten und Masken verfolgen. So ist sein Kultbild oft eine Maske, die an Bäumen aufgehängt wird; er taucht als ein hölzernes Gesicht aus dem Meer auf; er erscheint als junges Mädchen, als Stier, als Löwe, als Leopard…Doch wie soll man ihn erkennen, seine Masken durchschauen, sein wahres Wesen realisieren? Und wenn unter der Maske wieder eine Maske zum Vorschein kommt?

Dionysos ist ein Gott der Raserei, der „mania“, die epidemisch die Menschen befällt und in höchstem Masse ansteckend wirkt. Am bekanntesten sind die rasenden Mänaden, die in ihrer Ekstase in die wilde Natur ziehen, dort lebende Tiere – und sogar ihre eigenen Kinder – zerreißen und roh verschlingen.

Schreckliches widerfährt denjenigen, die ihn, den Vielgestaltigen, Proteushaften, Unfassbaren negieren, verleugnen, bekämpfen. Der erste auf der schwarzen Liste ist Lykurg, thrakischer König, „Fachmann auf dem Gebiet der Gottlosigkeit und jähzorniger Rohling“. Sein Kampf gegen Dionysos wird von diesem gegen ihn selbst gewendet: anstatt des dionysischen Rebstocks zerschmettert er seinen eigenen Sohn und wird schließlich in einer fernen wüsten Gebirgsgegend von wilden Pferden in Stücke gerissen. Ein weiterer dionysischer Rachefeldzug ist durch Euripides in den „Bacchen“ unsterblich geworden.