Cathedra

 

 

Die Serie „Cathedra“ verbindet zwei Bildräume, die in der europäischen Kunstgeschichte lange getrennt gedacht wurden: den sakralen Raum der Kathedrale und den "autonomen" Raum der modernen Malerei. Ausgangspunkt sind eigene Fotografien romanischer und gotischer Kircheninnenräume – Orte des Lichts, der Vertikale und der metaphysischen Ordnung. In diese historischen Architekturen greifen Fragmente meiner Gemälde ein: schwebende Formen, abstrahierte Figuren, farbige Zeichen und malerische Einsprengsel, die wie Erscheinungen oder Störungen im Raum auftauchen.

 

Der Titel „Cathedra“ verweist dabei nicht nur auf den kirchlichen Ursprung des Wortes – den Sitz des Bischofs als Zeichen geistiger Autorität –, sondern auch auf einen Ort des Denkens, der Wahrnehmung und der Imagination. Die Kathedrale erscheint hier weniger als religiöses Monument denn als Bildraum des kulturellen Gedächtnisses, in den zeitgenössische Bildfragmente eindringen wie Fremdkörper, Visionen oder digitale Geister.

 

Die collagierten Formen besitzen dabei einen eigentümlichen Schwebezustand. Sie sind weder vollständig abstrakt noch eindeutig figurativ. Manche erinnern an Masken, Wappen, Embleme, cartoonhafte Wesen oder liturgische Zeichen; andere wirken wie aus der Architektur selbst hervorgegangen. Dadurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der steinernen Ordnung der Kathedrale und der offenen, fließenden Logik der Malerei. Die sakrale Geometrie der Gewölbe trifft auf die freie Assoziation des malerischen „Remix“.

 

Weiterhin knüpft „Cathedra“ an die Geschichte der christlichen Bildkultur an. Die mittelalterliche Kathedrale war stets ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Licht, Ornament, Skulptur und Bild. Die Serie führt diese Idee unter zeitgenössischen Bedingungen weiter – allerdings nicht mehr als Einheit eines geschlossenen Weltbildes, sondern als offene, fragmentierte Bildwelt nach dem Ende der großen Erzählungen. Wo früher Heiligenfiguren und biblische Szenen den Raum ordneten, erscheinen heute hybride Zeichenwesen und malerische Partikel einer subjektiven Ikonographie.

 

So entsteht eine Art postmoderne Sakralität als ästhetische Erfahrung von "Transzendenz" im Bild selbst. Die Kathedrale wird zum Resonanzraum der Malerei – und die Malerei zum flüchtigen Geist im steinernen Gedächtnis der Architektur.

 
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