Unter Göttern

 

Unter Göttern 02, 2019, Aquarell, 46 x 61 cm

 

 

"Im Lauf des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich ein Prozess von enormer Tragweite herausgebildet, der alles erfasst hat, was als »religiös« sich bezeichnen lässt. Die säkulare Gesellschaft ist, ohne es proklamieren zu müssen, zum letzten Bezugsrahmen für jede Bedeutung geworden, fast als ob ihre Form der Physiologie einer jeden Gemeinschaft entspräche und Bedeutung nur innerhalb der Gesellschaft selbst zu finden wäre."

(Calasso, Roberto. Das unnennbare Heute, 2019, Suhrkamp Verlag. Kindle-Version, Pos. 185)

 

Roberto Calasso hat damit etwas ausgesprochen, was mit fehlender Transzendenz, den Himmel-auf-die Erde-holen oder den "Platonismus von den Beinen auf den den Kopf stellen" bezeichnet wurde, je nach Standpunkt. So sind seit Beginn der Moderne die Bilder Gottes praktisch verschwunden (abgesehen von einigen wenigen). Im Zuge der Postmoderne, in der angeblich alles geht, haben wir uns auch von diesem Verdikt befreit. Allerdings mit einem Paukenschlag, nämlich den, teilweise in gigantischen Formaten, "Last Supper"-Paintings des späten Warhol, mit denen die Kritik lange nicht zurecht kam. waren diese "religiösen" Bilder Warhols offensichtlich nicht mit jener massenkulturellen Ironie seiner berühmten früheren Arbeiten zu rezipieren. Inzwischen ist auch diese letzte Werkphase Warhols gut dokumentiert und war in mehreren eindrucksvollen Ausstellungen zu sehen. Ich erwähne Warhol deshalb, weil heutigen offensichtlich "christlichen" Bildern immer noch etwas von jenem Inkommensurablen anhaftet, von dem sogar der einzige "Pop-Star" der Kunst, Warhol (neben Beuys) nicht frei war.

Auf meinem Aquarell "Unter Göttern 02" begegnen sich zwei religiöse Welten und Zeiten, die unsere westliche Gesellschaft geprägt haben und - in profanierter Form - auch heute noch prägen, bezeichnet durch den stilisierten Kopf eines griechischen Gottes links und dem Haupt des toten Christus rechts. Überwölbt werden die beiden Gesichter von einem comic-artigen Himmel.

Die Antike war, trotz Zurückweisung und teilweiser Zerstörung, für die Herausbildung des Christentums von einer jüdischen Sekte zur alles dominierenden Religion, sowohl in Bild, Idee und Kultur bedeutsam. Christi Leid und sein Kreuzestod bilden das zentrale Moment der christlichen Heils- und Erlösungslehre in scheinbar schroffem Gegensatz zur paganen, mit ihren Hunderten von menschenähnlichen Göttern, auf die Verklärung des Diesseits gerichteten Welt.

In seiner ambivalenten Polemik gegen das Christentum behauptet Nietzsche: "Dieser "frohe Botschafter" (Christus) starb, wie er lebte, wie er lehrte - nicht um die "Menschen zu erlösen", sondern um zu zeigen, wie man zu leben hat" (Der Antichrist, 35).

Wie dem auch sei, mit den christlichen Sujets, die von Anfang an in meinem Werk anzutreffen sind, möchte ich weder einer "Wiederkehr der Religion" das Wort reden, noch einen nostalgischen Blick auf die Vergangenheit werfen. Für letzteres gibt es wirklich wenige Gründe. Stattdessen geht es mir um eine künstlerische Durchdringung dessen, was Giorgio Agamben "Profanierung" nennt.