Transformation

„Transformation“ bedeutet für mich als Künstler die Umsetzung bestimmter transkultureller Strukturen in Collagen, collage-basierte Gemälde und Skulpturen. Dabei greife ich entweder auf Bildquellen früherer Kunst oder auf eigene Fotos von „natürlichen“ Strukturen zurück, wie etwa „Dschungel“ oder „Landschaft“. Durch die Collagierung verlieren Bildquellen ihre ursprüngliche Bedeutung – in der Kunstgeschichte als Ikonologie und Ikonographie bezeichnet – und gewinnen als Kunst neue unvorhergesehene Sinn- oder Un-Sinns-Zusammenhänge, seien diese nun assoziativ, individuell, emotional, spontan, diskursiv oder rein gedanklich. So ist z. b. der „Dschungel“ nicht nur in Costa Rica, wo ich ihn fotografiert habe, sondern eigentlich überall, sofern man ihn lässt. Ebenso ist es mit religiösen Vorstellungen, wie etwa „Gott“, der natürlich nicht nur im Christentum zu finden ist. Es kann mir also weder um eine Re-Inszenierung früherer Malerei gehen – so interessant dies auch sein mag – noch um eine „Wiederkehr“ religiöser oder sonstiger konventioneller Inhalte, unabhängig von deren positiver oder negativer Einschätzung. Als Künstler kann ich selbstverständlich nicht soweit gehen, die wirkliche Existenz solcher Strukturen zu behaupten, da Kunst bekanntlich „Fiktion“ ist, die etwas in einem Medium evoziert, was gegebenenfalls als wirklich angenommen oder „geglaubt“ wird, wobei hier der Glaube in einem sehr weiten Sinn gefasst wird. Dabei muss keine Religion im Spiel sein. So glauben wir an Vieles, was wir nicht wissen und nicht wissen können, was besonders in Krisenzeiten, wie der jetzigen, deutlich wird.

Das heißt nicht, dass Kunst „Lüge“ ist. In meinem Fall würde ich von kulturellen Bedeutungen sprechen, oder besser gesagt, mit dem Spiel damit. Jede Collage hat ein spielerisches Zufallsmoment, was sie in der Moderne für viele so attraktiv macht. Vor der Moderne existierte die Collage nicht, was einerseits darin liegt, dass es kein solch massenhaft operierendes Reproduktionsmedium gab wie die fotografische und filmische Technik. Weiterhin war, soweit ich es sehe, das Zufallsmoment in den vormodernen bildenden Künsten, so weit als möglich minimiert, da die Kunst einen als geordnet und harmonisch vorgestellten Kosmos imaginieren sollte – im Gegensatz zum oftmaligen Chaos der jeweiligen Lebenswelten. Auch das Negative – in meinem diesbezüglichen Themenschwerpunkt als „Teufel“ bezeichnet, war immer, auch in gnostischen Welten, von der Hoffnung auf ein letztliches Positives, so fern und jenseitig dies auch immer war, überlagert.

In meinen Arbeiten ist das „Prinzip Collage“ immer auch ein mehr oder weniger offensichtliches Spiel mit dem Chaos, das als solches deutlich wird – im Gegensatz zur früheren wohlgeordneten Komposition, selbst wenn deren Teile des Schreckens nicht entbehren. Für meine Kunst ist ein Grundsatz der metaphysischen Welt, nämlich das aristotelische Prinzip, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, nur noch sehr bedingt zutreffend. Die Teile gewinnen ein deutliches, oft auch widerspenstiges Eigenleben und ordnen sich nicht wie selbstverständlich einem „höheren“ Ganzen unter, obwohl ich immer versuche, einen neuen Bild-Zusammenhang zu erarbeiten, sodass idealerweise eine bildliche Dialektik zwischen Teilen und Ganzem entsteht. Hier kommen die BetrachterInnen ins Spiel, ohne deren eigene Einbildungskraft meine Arbeiten nicht „funktionieren“. Das verhält sich mit jedem Kunstwerk so – allerdings sind, vor allem bei früheren, die wissenschaftlich fundierten Bedeutungsgehalte so übermächtig, dass die subjektive Imagination demgegenüber wenig Chancen hat. Ich würde nicht so weit gehen wie Schiller, der in einem berühmten Diktum das ideale Menschsein mit dem Spielerischen gleichsetzte[1].

Im Unterschied zum reinen autonomen Kunstwerk, das seit mehr als 100 Jahren zum fast ausschließlichen Modell des modernen Kunstwerks geworden ist, dessen Präsenz nur mehr sich selbst bedeutet, geht es in meinen Arbeiten um einen „erweiterten“ Präsenzcharakter, der auch nähere und fernere Bedeutungen und Sinnzusammenhänge, sowie Anwendungen außerhalb des Kunstbereichs umfassen kann.

 


[1] „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

[3] Michel Foucault, Die Prosa des Aktaion, in: Michel Foucault, Schriften, Bd. 1, S. 441ff, Frankfurt 2001