Profane Mythen

Meer der Träume 02, 2004, Öl auf Leinwand, 120 x 100 cm

 

 

Roland Barthes hat in seinen „Mythen des Alltags” aufgezeigt, dass der Mythos nicht ausschließlich historisch ist und lediglich in frühen Kulturen zu finden sei, sondern dass er in der Gegenwart in den verschiedensten Strukturen erscheint. Diese neuen Mythen sind durch eine Entleerung der primären Bedeutung und durch eine Aufwertung von allem Möglichen gekennzeichnet: ein konfuses Wissen mit unbestimmten, unbegrenzten Assoziationen. Diese neuen Mythen manifestieren sich in Form einer Aufforderung oder Anrufung. Sie geben sich als Natur aus, sind jedoch ausschließlich im Reich der Zeichen beheimatet. Dabei stehen weniger Fakten und Informationen im Vordergrund als Sehnsüchte, Ängste, Wünsche und Versprechungen, die am besten in alternativen Welten, in Möglichkeitsträumen mit affektiven, ideologischen und vor allem ästhetischen Strukturen zur Geltung kommen. Des Weiteren wird das Reale durch affektive Besetzungen ersetzt.
Das von Barthes beschriebene sekundäre Zeichensystem, welches von mir als „profane Mythen“ bezeichnet wird, ermöglicht die Produktion von Gefühlen. Dabei werden oft scheinbar spielerische, komische, parodistische, aber auch groteske Züge zum Tragen gebracht.

Die metaphorischen „profanen Mythen” können als entsprechende Re-Mythisierungen infolge eines Umschlags von Aufklärung in Mythos aufgefasst werden, wie es Adorno/Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung” beschrieben haben.

 

Kunst gegen Rechts

 

Obgleich ich der Auffassung bin, dass in einer zunehmend laizistischen, westlichen Welt „jeder nach seiner eigenen Fasson selig werden soll”, muss ich seit Jahren mit Entsetzen feststellen, dass rechte Umtriebe weit jenseits des demokratischen Spektrums immer mehr Zulauf zu gewinnen scheinen. Dies geht einher mit einem Revival unheiliger „Mythen des rechten Alltags”, die man vom Nazismus, der sich nicht zuletzt auf krude und esoterische Mythen stützte, mehr als zur Genüge kennt. Der simple Verweis auf Rationalität und Aufklärung als Antidot gegen Neo-Faschismus erweist sich somit als unzureichend, da das nationalsozialistische Regime sich durchaus rationaler Methoden bediente.

Ich hege durchaus Sympathie für die Versuche junger Intellektueller und Künstler im Umkreis von Georges Bataille und der Zeitschrift „Acephale” in den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, mit diversen obskuren Spielen die faschistischen Mythen zu konterkarieren und sie in einen humanen Welt-Mythos zu transformieren. Allerdings bin ich der Überzeugung, dass es heute unter anderem im Rahmen der globalen (Massen-)Kultur eher möglich ist, dieses Ziel zu erreichen. Die Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler vermögen es somit, Diskussionen anzuregen und zum kritischen Denken anzustiften. Die Werke können dazu beitragen, dass die Rezipienten die Botschaften, die sie täglich erhalten, hinterfragen und eine Plattform bieten, um über schwierige Themen wie Rassismus, Nationalismus und Autoritarismus zu sprechen.

Obgleich ich in meinen Werken keine dezidiert politischen Inhalte transportiere, bin ich der Überzeugung, dass ich in einem erweiterten Sinne von Politik wirken kann.

 

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