Venedig gilt seit langem als Imaginations- und Denkraum erster Ordnung.

Dass es in der letzten Zeit, sprich seit der vorletzten Jahrhundertwende, etwas ruhiger mit der künstlerischen Attraktivität Venedigs wurde, ist für mich eher eine Herausforderung, die wohl touristischste aller Städte zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen. Venedig ist also massiv Teil der Massenkultur und widerstreitet dieser paradoxerweise in eben dem Maß durch ihr fast ausschließlich vormodernes „morbides“ Ambiente. Daraus resultiert eine Abwesenheit von Bedeutung, die nicht aus zu wenig, sondern aus zu viel Bedeutung entspringt.

In meinen Venedig-Aquarellen und digitalen Collagen wird diese Nicht-Bedeutung noch verstärkt durch Models, Celebrities, Comics und durch die Karnevals-Masken, für die Venedig zu Recht berühmt ist. Zusammen ergeben sie eine spezifische Leerheit der zeitgemäßen Hyper-Schönheit. Durch die leichten Irritationen eines Wieder-Malens und Collagierens dieser heutigen Hyper-Schönheit können jene Tragik und damit auch jene „großen Irrsale und Irrlichter des Schönen, nämlich die Seligkeit, die Erlösung, der Lohn des Daseins“[1] anklingen.

Im weitesten Sinne ist Schönheit mit Eros amalgamiert. Seit Platon gehört der Eros sogar „der Erzeugung und Hervorbringung im Schönen“[2]. Was als platonischer Eros missverstanden wurde, kann, um mit Georges Bataille zu sprechen, als „göttliche oder heilige Erotik“ bezeichnet werden, die Bataille in der „Überschreitung“ der profanen Alltagswelt als „volles, unumschränktes Sein“ bezeichnet, das im Gegensatz zu unserer körperlichen Vereinzelung und Diskontinuität als „Kontinuität des Seins“[3] erfahren wird.

Was liegt nun näher als vor den Veduten eines scheinbar zeitlosen Venedigs die glamourösen Schönen mit einem mythischen und doch realen Verführer, der sich aber fast immer verführen ließ, zu konfrontieren, nämlich mit Giacomo Casanova und seinen zahllosen Geliebten?

Damit re-auratisiere ich die Massenkultur nicht, sondern versuche, sie unter der Voraussetzung ihrer Unbestimmtheit als künstlerische Möglichkeit - auch die einer dialogischen Erfahrung - zu realisieren. Somit hoffe ich, im Mehr-als-Bekannten das Noch-Unbekannte zu eröffnen.

 



[1] Georg Simmel, Georg Simmel, Jenseits der Schönheit, in: G.S. Jenseits der Schönheit, Frankfurt 2008, S, 330

[2] Platon, Symposion 206

[3] Georges Bataille, Die Erotik, München 1994, S. 23

Heribert Heere

KÜNSTLER