Der tote Gott

2013, Aquarell, 54 x 74 cm

 

 

 

Zwei Jahrtausende beinahe und nicht ein einziger neuer Gott!

Friedrich Nietzsche, Der Antichrist

 

 

Schon der Titel meines Aquarells „Der tote Gott“ befremdet. Der bestimmte Artikel vor „Gott“ beinhaltet dessen Relativierung. Abgesehen davon, dass aktive Götter nicht sterben – es sei denn, um wieder aufzuerstehen – wird damit ein Gott unter vielen evoziert oder zumindest eine eher ethnologische Zustandsbeschreibung einer uns fremden religiösen Szenerie angedeutet.

Beim Blick auf das Bild nehmen wir innerhalb eines collagistischen Mummenschanzes zwei in dunklen Umrissen gehaltene Gesichter wahr, die an Christus mit Dornenkrone und Maria erinnern – inmitten von Masken und comicartigen Fragmenten.

Wenn ich damit andeuten wollte, dass das Leidensszenario von Christus sozusagen eine karnevalistische Maske unter vielen anderen und also nichts weiter als temporärer Mummenschanz sei, dann könnte man immer noch danach fragen, da üblicherweise bei keinem Karnevalstreiben etwa eine Christusmaske oder eine Marienmaske auftreten würde. Andererseits kennen wir Christus-Schauspiele, -Filme oder andere religiöse Szenarios, etwa das mittelalterliche Mysterienspiel oder die daraus hervorgegangenen Passionsspiele. Theatralische und inszenatorische Momente gehören seit je zum christlichen Ritus, bezeichnenderweise mehr zum katholischen als zum evangelischen. Inwieweit hinter jeder Maske etwas anderes steckt (selbst „unter“ der reinen nur für sich stehenden Maske) steht auf einem anderen Blatt; trotzdem hat die Maske für uns ein spielerisches, fiktives Moment. Offenbar war man im vollkommen religiös geprägten Mittelalter nicht so skrupulös, was die strenge und kategorische Trennung von religiöser und karnevalistischer oder parodistischer Theatralik anbelangte, wie Michail Bachtin ausführt:

 

Daher waren die Parodien des Mittelalters keineswegs nur formale und rein negierende Parodien auf sakrale Texte…Sie transportierten ihre Vorlagen vielmehr ins heitere Lachregister…Daher treibt die mittelalterliche Parodie mit dem – vom Standpunkt der offiziellen Ideologie – Heiligsten und Wichtigsten ein ungezügeltes, heiteres Spiel[1]

 

Als Beispiele führt Bachtin das „Abendmahl des Hl. Kyprian“ an, eine sehr groteske Parodie der gesamten Heiligen Schrift von Adam und Eva bis zur Passion, sowie parodistische Liturgien, wie die „Trinkermesse“, die „Spielermesse“ etc.

Auch in der Alltagssprache „wimmelte der mündliche Jargon der Kleriker, Mönche, Scholaren und Richter von allen möglichen Travestierungen religiöser Texte, Gebeten, Denksprüchen, gängiger Spruchweisheiten und von Verdrehungen von Heiligen- und Märtyrernamen“.

In meinen Arbeiten wie im „toten Gott“ kann man allerdings nicht von einer üblichen Parodie, sondern von einer "Interbildlichkeit" (Margaret A. Rose) oder einfacher, von einer gemalten Collage sprechen, die aber sowohl durch die ungewöhnliche Zusammenstellung wie auch durch den malerischen Duktus etwas Groteskes, ja, den Charakter einer „ernsten Parodie“ gewinnt. In der ernsten Parodie gibt es wenig Parodistisches, vielmehr handelt es sich um „Metabilder“.

…das Lachen war ebenso universell wie der Ernst, es war auf das Weltganze gerichtet, auf die Geschichte, auf die ganze Gesellschaft und die ganze Philosophie. Es war die zweite Wahrheit über die Welt, deren Kompetenz nichts überschritt, es war der festliche Aspekt der Welt in all ihren Momenten, eine zweite Offenbarung in Spiel und Lachen.[2]

 

Soviel zu meiner Kunst als „Assoziationsmaschine“…

 


[1] Michail Bachtin, Rabelais und seine Welt, Frankfurt 1987, S. 134ff

[2] Ibid.

 

Heribert Heere

KÜNSTLER