Metamorphosen

Cuncta fluunt, omnisque vagans formatur imago.

Alles ist im Fluss, und jedes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht.

(Ovid, Metamorphosen, 15.178)

 

 

 

Bilder sind nicht ausschließlich autonom und symbolisch, sondern beinhalten einen kulturellen Hintergrund, der sie prägte und den sie prägten, Sie vermitteln einen Lebenszusammenhang, der immer in die Vergangenheit als ein entstandener und in die Zukunft als ein möglicher verweist

 

Metamorphose ist Weltauslegung. Auslegung heißt jedoch keinesfalls Reduzierung auf uns allgemein begreifbare und plausible Zusammenhänge, sondern vielmehr Aufzeigen des Irreduzierbaren, des Rätselhaften und damit Beunruhigenden. Das bedeutet jedoch nicht Verdunkeln, Verunklären oder Hinein-Geheimnissen, sondern im Gegenteil ein Klären, ja sogar Verklären dieser Rätselhaftigkeit.

Die Auslegungen sind nicht beliebig. Auch der Künstler kann – im Gegensatz zu einem geläufigen Vorurteil – nicht machen, was er will. Und dennoch, fasst man den Willen als übergeordnet, nicht bloß im Sinne purer Willkür, so ist dieser in einem schwer fassbaren und Sinne der Persönlichkeit zugeordnet (also keine metaphysische Wesenheit, wie bei Schopenhauer). Die Kunst legt nicht nur die Welt aus, sondern schafft auch – Welten. Im Werk allemal. Aber möglicherweise auch im Blickfeld des Betrachters. So entsteht ein Dialog – nicht über Farben und Formen, über Linien und Flächen (darüber vielleicht auch), sondern über „Lebenswelten“. Und über Natur: einerseits über die Natur außerhalb von uns, aber auch über uns selbst, die wir auch „Natur“ sind.

Nietzsche hat besonders auf „die ewige Lust des Werdens“[i] hingewiesen, die, über die aristotelische Katharsis hinaus, ein „Ja-Sagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten uns härtesten Problemen“ beinhalte. Uns heutigen mag die Lust daran vergangen sein und wir sollten uns eher mit Problem-Lösungen beschäftigen. Doch solche Lösungen, wie sie ja auch der Künstler – und insbesondere der Collagist – anstrebt, bringen neben harter Arbeit eben auch eine gewisse „Lust des Werdens“ mit sich und ich möchte diesen libidinösen Anteil nicht gering schätzen.

Gilles Deleuze hat diese „ewige Lust des Werdens“ vor allem im „Wunderland“ von Alice „hinter den Spiegeln“ aufgespürt[ii]. Wie viele Künstler hat auch mich die famose, wirklich-unwirkliche, geniale Alice zu collagistischen Arbeiten angeregt (zusammen mit den Caprichos von Goya).

Ich sprach von dem Lebenszusammenhang kulturell vermittelter Bilder mit Verweis auf die Vergangenheit und die Zukunft. Im Hinblick auf Deleuze muss ich dies jetzt präzisieren: Bilder sind zwar auch Texte, aber insofern anders, als bei Bildern immer alles simultan erfasst werden kann. Daraus resultiert eine Gleichzeitigkeit des Werdens, die „die Trennung von Vorher und Nachher, von Vergangenheit und Zukunft“ ignoriert.

Deleuze leitet daraus das Paradox „des Wesens des Werdens, in beide zeitliche Richtungen gleichzeitig zu verlaufen“, ab, das jedem „gesunden Menschenverstand“ widerspreche. Wir wussten es zwar schon vorher, aber nun wird es im Hinblick auf die Bilder deutlich: Die Metamorphosen lösen Identitäten auf, bilden neue, temporäre und zerstören diese wieder. Man kann deshalb nicht mehr von einem irgendwie feststehenden, eigentlichen Substrat sprechen, das eben in vielerlei Gestalt erscheint. Damit ist aber auch die für das Denken des Westens konstitutive Unterscheidung von Schein und Sein hinfällig, ein Fall, der Nietzsche immer wieder beschäftigte.

 

[i] Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, Alt 5

[ii] Gilles Deleuze, Logik des Sinns, Vom reinen Werden, S. 15ff, Frankfurt 1993

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