Warum wähle ich aus einer Tapisserie-Bildfolge, die im Spätmittelalter entstanden ist, vorrangig Bildelemente für meine digitalen Collagen (z.B. das „Große Tier“), obwohl offensichtlich die moderne Apokalyptik in Text und Bild nur mehr marginal von der religiösen Thematik bestimmt ist, wie sie am Ende des Neuen Testaments in der sogenannten „Offenbarung des Johannes“ erscheint.

Mich hat als Künstler von Anfang an das Problem interessiert, inwieweit man aus Bildern, die aus ihrem ursprünglichen Kontext entfernt werden, neue künstlerische Thematiken gewinnen kann. Im Falle früherer, z.B. christlicher Bilder , erhöht sich deren Komplexität, da sie nie nur rein religiöse, sondern auch repräsentative, artifizielle, mythologische, politische und andere Bedeutungen haben.

Doch halt! Wir sehen sie doch unter der Optik des entwerfenden Hofmalers von Ludwig I. von Anjou, Jan Bondol („Hennequin von Brügge“).

Aber nein! Da kommt noch „die Sprache der Comics“[i] ins Bild, die, farblich nuanciert, die gewebten Bilder der Tapisserien – heute im Original zu sehen auf mehr als 120m Länge und 4m Höhe im Schloss von Angers – überlagern, destruieren und ergänzen?

Der Autor dieser ressentimentgeladenen apokalyptischen Vision namens Johannes wurde wohl auf die Insel Patmos, wo man heute Urlaub macht, verbannt zur Zeit des Kaisers Domitian, gegen 95 n. Chr.

…ich war auf der Insel Patmos um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses für Jesus.

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune: Sie sprach: Schreib das, was du siehst, in ein Buch…[ii]

 

[i] Ole Frahm, Die Sprache der Comics, Hamburg 2010

[ii] Offb 1, 9,10

Heribert Heere

KÜNSTLER