Faust: logos und Tun
Wenn man sich mit Kunst beschäftigt, stellt sich früher oder später eine einfache und zugleich schwer zu beantwortende Frage: Warum eigentlich?
Gleich am Anfang der Tragödie bekennt Faust die subjektive Vergeblichkeit seiner Studien der Philosophie, Juristerei, Medizin „und leider“ – wie er sich ausdrückt – „auch der Theologie“ mit dem ernüchternden Bekenntnis:
„Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!“
Nach einem Suizidversuch und dem befreienden Osterspaziergang entschließt er sich zur Neuübersetzung des Johannes-Evangeliums, dessen Beginn lautet: „Am Anfang war das Wort (griechisch: logos)“. Seiner neuerwachten Liebe zum Leben entsprechend übersetzt er „logos“ mit „Tat“; eine in der Tat sehr kühne Übersetzung. Doch für Goethe war klar: logos und tun, das passt schon.
Bildwelten: ästhetische Erfahrung
Vielleicht beginnt auch die Beschäftigung mit meinen "Bildwelten" an diesem Punkt: zwischen Zweifel und Neugier, zwischen Nachdenken und Wahrnehmen.
Allerdings habe ich mich nicht der mephistophelischen „Magie ergeben“ (wenngleich die Kulturgeschichte des Teufels mich zu einigen Collagen angeregt hat).
Meine Arbeiten können sicher nicht dazu dienen, was Faust sucht, „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, aber vielleicht dazu, eine ästhetische Erfahrung mit Kunstwerken zu ermöglichen, die nicht „nur“ auf das Werk selbst bezogen ist - was ja schon eine ganze Menge darstellt – sondern auch auf die Welt draußen - außerhalb des imaginativen künstlerischen Bildraums.
Meine „Bildwelten" sind kein Versuch, die Welt zu erklären oder gar zu entschlüsseln. Es geht mir vielmehr darum, Räume zu öffnen – visuelle, gedankliche und auch emotionale Räume, in denen die Betrachter eigene Verbindungen herstellen können: zwischen den Bildern und Ihrer eigenen Erfahrung.
Kunst heute kann und muss vielleicht Vieles zugleich sein. Sie kann Ausdruck persönlicher Erfahrungen sein, ein Mittel zur Selbstreflexion oder auch ein Kommentar zur Gesellschaft. Sie kann irritieren, provozieren oder „einfach“ eine ästhetische Erfahrung ermöglichen.
Meine Arbeiten bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Sie entstehen einerseits intuitiv und andererseits aus einer langen Beschäftigung mit philosophischen Fragen – aber nicht, um Antworten zu geben, sondern um Perspektiven anzubieten. Die begleitenden Texte in meiner Website verstehen sich dabei nicht als Erklärungen im engeren Sinn, sondern als Einladungen zum Weiterdenken.
Welten
Nur noch ein kleiner Hinweis zum heute absolut inflationären Gebrauch des Begriffes „Welten“ und „Welt“:
So sollen wir eintauchen in Genuss-Welten, Duftwelten, Einkaufs-Welten, digitale Welten, Fitness-Welten, Urlaubswelten, Erlebniswelten, Wellnesswelten, Welt der Stars etc. etc.
Ich kann nur mutmaßen, warum sich dies beinahe naturwüchsig so entwickelt hat: Dieser inflationäre Usus der „Welten“, vor allem in der Konsumindustrie, korrespondiert mit der zunehmenden Auflösung der religiösen und metaphysischen Welten – jedenfalls im Westen - die Nietzsche in einem berühmten Diktum mit „Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde“ überschrieb.
Letzterer skandierte auch in „Zarathustras Rundgesang":
„Die Welt ist tief,
Und tiefer, als der Tag gedacht“.
Lebenswelt
Ich möchte die „Lebenswelt“ vorschlagen, ein Begriff, der von Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts in die Philosophie eingeführt und von anderen Denkern weiterentwickelt wurde. Sehr allgemein ist damit die Welt gemeint, in der wir leben, denken, fühlen, handeln und z.B. Kunst machen, aber auch die Welt in uns, die manchmal noch abgründiger erscheint als die äußeren Welten, aber manchmal eben auch tiefgründig wie bei unserem Gott-Sinn-Weltsucher und späterem Kolonisten Faust.
Damit ist die Welt gemeint, in der wir tatsächlich leben – die wir erfahren, fühlen, erinnern und gestalten. Eine Welt, die nicht nur außerhalb von uns existiert, sondern auch in uns selbst. Und genau in diesem Spannungsraum bewegen sich meine Bilder.
Wenn diese Ausstellung etwas bewirken kann, dann vielleicht dies: dass sie Resonanz erzeugt. Dass sie Momente schafft, in denen man innehält, genauer hinsieht oder ins Gespräch kommt – mit den Bildern, mit anderen oder mit sich selbst.