Bildwelten

 

 

Faust: logos und Tun

 

Wenn man sich mit Kunst beschäftigt, stellt sich früher oder später eine einfache und zugleich schwer zu beantwortende Frage: Warum eigentlich?

Gleich am Anfang der Tragödie bekennt Faust die subjektive Vergeblichkeit seiner Studien der Philosophie, Juristerei, Medizin „und leider“ – wie er sich ausdrückt – „auch der Theologie“ mit dem ernüchternden Bekenntnis:

 

„Da steh' ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!“

 

Nach einem Suizidversuch und dem befreienden Osterspaziergang entschließt er sich zur Neuübersetzung des Johannes-Evangeliums, dessen Beginn lautet: „Am Anfang war das Wort (griechisch: logos)“. Seiner neuerwachten Liebe zum Leben entsprechend übersetzt er „logos“ mit „Tat“; eine in der Tat sehr kühne Übersetzung. Doch für Goethe war klar: logos und tun, das passt schon.

 

Marker-Universe 04, 2026, 84 x 42 cm

 

Bildwelten: ästhetische Erfahrung

 

Vielleicht beginnt auch die Beschäftigung mit meinen "Bildwelten" an diesem Punkt: zwischen Zweifel und Neugier, zwischen Nachdenken und Wahrnehmen.

Allerdings habe ich mich nicht der mephistophelischen „Magie ergeben“ (wenngleich die Kulturgeschichte des Teufels mich zu einigen Collagen angeregt hat).

Meine Arbeiten können sicher nicht dazu dienen, was Faust sucht, „zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, aber vielleicht dazu, eine ästhetische Erfahrung mit Kunstwerken zu ermöglichen, die nicht „nur“ auf das Werk selbst bezogen ist - was ja schon eine ganze Menge darstellt – sondern auch auf die Welt draußen - außerhalb des imaginativen künstlerischen Bildraums.

 

Meine „Bildwelten" sind kein Versuch, die Welt zu erklären oder gar zu entschlüsseln. Es geht mir vielmehr darum, Räume zu öffnen – visuelle, gedankliche und auch emotionale Räume, in denen die Betrachter eigene Verbindungen herstellen können: zwischen den Bildern und Ihrer eigenen Erfahrung.

 

Kunst heute kann und muss vielleicht Vieles zugleich sein. Sie kann Ausdruck persönlicher Erfahrungen sein, ein Mittel zur Selbstreflexion oder auch ein Kommentar zur Gesellschaft. Sie kann irritieren, provozieren oder „einfach“ eine ästhetische Erfahrung ermöglichen.

Meine Arbeiten bewegen sich in diesem Spannungsfeld. Sie entstehen einerseits intuitiv und andererseits aus einer langen Beschäftigung mit philosophischen Fragen – aber nicht, um Antworten zu geben, sondern um Perspektiven anzubieten. Die begleitenden Texte in meiner Website verstehen sich dabei nicht als Erklärungen im engeren Sinn, sondern als Einladungen zum Weiterdenken.

 

Welten

 

Nur noch ein kleiner Hinweis zum heute absolut inflationären Gebrauch des Begriffes „Welten“ und „Welt“:

So sollen wir eintauchen in Genuss-Welten, Duftwelten, Einkaufs-Welten, digitale Welten, Fitness-Welten, Urlaubswelten, Erlebniswelten, Wellnesswelten, Welt der Stars etc. etc.

 

Ich kann nur mutmaßen, warum sich dies beinahe naturwüchsig so entwickelt hat: Dieser inflationäre Usus der „Welten“, vor allem in der Konsumindustrie, korrespondiert mit der zunehmenden Auflösung der religiösen und metaphysischen Welten – jedenfalls im Westen -  die Nietzsche in einem berühmten Diktum mit „Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde“ überschrieb.

Letzterer skandierte auch in „Zarathustras Rundgesang":

 

„Die Welt ist tief,

Und tiefer, als der Tag gedacht“.

 

Lebenswelt

 

Ich möchte die „Lebenswelt“ vorschlagen, ein Begriff, der von Edmund Husserl Anfang des 20. Jahrhunderts in die Philosophie eingeführt und von anderen Denkern weiterentwickelt wurde. Sehr allgemein ist damit die Welt gemeint, in der wir leben, denken, fühlen, handeln und z.B. Kunst machen, aber auch die Welt in uns, die manchmal noch abgründiger erscheint als die äußeren Welten, aber manchmal eben auch tiefgründig wie bei unserem Gott-Sinn-Weltsucher und späterem Kolonisten Faust.

 

Damit ist die Welt gemeint, in der wir tatsächlich leben – die wir erfahren, fühlen, erinnern und gestalten. Eine Welt, die nicht nur außerhalb von uns existiert, sondern auch in uns selbst. Und genau in diesem Spannungsraum bewegen sich meine Bilder.

 

 

 

Visual Worlds

 

Faust: Logos and Action

 

When one engages with art, sooner or later a simple yet difficult question arises: Why, exactly?

Right at the beginning of the tragedy, Faust acknowledges the subjective futility of his studies in philosophy, law, medicine, “and unfortunately”—as he puts it—“theology as well,” with this sobering confession:

“Here I stand, I poor fool,

And am as wise as before!”

After a suicide attempt and the liberating Easter walk, he decides to undertake a new translation of the Gospel of John, which begins: “In the beginning was the Word (Greek: logos).” In keeping with his newly awakened love of life, he translates “logos” as “deed”; a translation that is indeed very bold. Yet for Goethe it was clear: logos and deed—that fits just fine.

 

Visual Worlds: Aesthetic Experience

 

Perhaps my engagement with my “visual worlds” also begins at this point: between doubt and curiosity, between reflection and perception.

However, I have not “surrendered to” Mephistophelean “magic” (although the cultural history of the devil has inspired me to create some collages).

My works certainly cannot serve the purpose Faust seeks—“to recognize what holds the world together at its core”—but perhaps they can facilitate an aesthetic experience with artworks that is not “merely” related to the work itself—which is already quite a lot—but also to the world outside—beyond the imaginative artistic pictorial space.

My “visual worlds” are not an attempt to explain or even decipher the world. Rather, my aim is to open up spaces—visual, intellectual, and emotional spaces—in which viewers can make their own connections: between the images and their own experience.

Art today can—and perhaps must—be many things at once. It can be an expression of personal experiences, a means of self-reflection, or a commentary on society. It can unsettle, provoke, or “simply” facilitate an aesthetic experience.

My works operate within this tension. They arise, on the one hand, intuitively and, on the other, from a long engagement with philosophical questions—not to provide answers, but to offer perspectives. The accompanying texts on my website are not intended as explanations in the strict sense, but as invitations to further reflection.

 

Worlds

 

Just a brief note on the now absolutely inflationary use of the terms “worlds” and “world”:

We are supposed to immerse ourselves in worlds of pleasure, worlds of scent, shopping worlds, digital worlds, fitness worlds, vacation worlds, worlds of experience, wellness worlds, the world of the stars, etc., etc.

I can only speculate as to why this has developed almost naturally: This inflationary use of “worlds,” especially in the consumer industry, corresponds to the increasing dissolution of religious and metaphysical worlds—at least in the West—which Nietzsche titled in a famous dictum “How the ‘true world’ finally became a fable.”

The latter also chanted in “Zarathustra’s Round Song”:

“The world is deep,

And deeper than the day imagined.”

 

Lifeworld

 

I would like to propose the “lifeworld,” a concept introduced into philosophy by Edmund Husserl at the beginning of the 20th century and further developed by other thinkers. Very generally, this refers to the world in which we live, think, feel, act, and, for example, create art, but also the world within us, which sometimes seems even more abysmal than the external worlds, yet at other times just as profound—as in the case of our God-sense-world-seeker and later colonist Faust.

This refers to the world in which we actually live—the one we experience, feel, remember, and shape. A world that exists not only outside of us, but also within ourselves. And it is precisely within this space of tension that my images move.

 

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