Driftende Fragmente, 2025, Aquarellkreide, 61 x 46 cm
Fragmente tragen eine doppelte Bedeutung: Sie sind Spuren eines Ganzen, das vielleicht verloren ging – und zugleich Bausteine eines Neuen, das erst noch entstehen will. In der vorliegenden Aquarellarbeit wird das Fragmentarische zur zentralen Bildsprache, die mehr ausdrückt als eine rein formale Entscheidung. Die Darstellung des Unvollständigen wird hier zur Methode, eine eigene Bildwelt zu erschaffen, die wiederum auf ein bestimmtes Weltbild verweist: jenes einer Realität, die nicht mehr als geschlossene Einheit erscheint, sondern als Sammlung heterogener Elemente, die nur lose zusammengehalten werden.
Fragmentierte Formen – eine Bildwelt der Andeutungen
In der Komposition tauchen organische, skulpturale und anthropomorphe Formen auf, ohne sich jemals zu einer klaren Figur zu verbinden. Diese gebrochenen Motive bilden eine Bildwelt, die durch Andeutungen statt durch fest umrissene Konturen bestimmt wird. Das
Fragment wird zur kleinsten Einheit dieser Welt: Alles scheint in Zwischenzuständen zu existieren, provisorisch, tastend. Indem das Bild keine vollständigen Figuren anbietet, zeigt es zugleich ein Weltbild, das Komplexität und Unfertigkeit anerkennt. Das Bild deutet an, dass Wirklichkeit nicht als einheitlicher, abgeschlossener Körper zu verstehen ist, sondern als Gefüge aus Fragmenten – Erinnerungen, Eindrücken, Wahrnehmungsstücken.
Räumliche Zersplitterung – die Welt als mehrschichtiger Ort
Die farbigen Hintergrundzonen – Blau, Pink, Gelb, Grün – bilden keinen zusammenhängenden Raum. Sie wirken eher wie nebeneinandergelagerte räumliche Fragmente, die sich nicht zu einer klassischen Perspektive zusammenschließen. Dadurch entsteht eine Bildwelt ohne räumliche Kontinuität. Diese ästhetische Entscheidung verweist auf ein Weltbild, in dem Koexistenz ohne Homogenität denkbar ist. Verschiedene Realitätsräume stehen gleichzeitig nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu erklären oder aufzuheben. So spiegelt die Arbeit eine Erfahrung des modernen Menschen wider: dass Welt nicht mehr als ein durchgängiger Rahmen erfahrbar ist, sondern als ein dynamisches Geflecht aus parallelen Sphären – sozial, digital, emotional, materiell.
Weltbild des zersplitterten Subjekts
Besonders deutlich wird die Verbindung von Bildwelt und Weltbild im Motiv des gelblichen Ovals, das ein isoliertes Gesicht birgt. Es kommuniziert eine Form des Subjekts, das fragmentiert ist, losgelöst von Körper, Kontext und Tradition. Diese Darstellung ist nicht nur ästhetisch, sondern philosophisch: Sie spiegelt ein Weltbild, in dem Identität kein fester Kern mehr ist, sondern ein Mosaik aus Rollen, Stimmungen und Erinnerungen. Auch andere Formen – die steinernen „Kopf“-Strukturen, amorphe Körperansätze – tragen zu dieser Bildwelt eines verteilten, nicht geeinten Selbst bei. Die Fragmentform wandelt sich hier in ein Modell für das Subjektive.
Weltbilder des Werdens
Die skizzenhaften Linien, die Überlagerungen der Farbflächen und die sichtbaren Brüche im Material machen die Entstehung selbst zum Thema. Diese Bildwelt bleibt bewusst offen, als würde sie sich im Blick des Betrachters weiterentwickeln. In dieser Offenheit spiegelt sich ein bestimmtes Weltbild: jenes, das die Wirklichkeit als prozesshaft sieht – immer im Übergang, nie vollständig fixiert. Die Arbeit formuliert damit einen Gegenentwurf zu stabilen, eindeutigen Weltbildern. Sie schlägt vor, das Fragmentarische nicht zu überwinden, sondern als grundlegenden Zustand des Weltseins zu akzeptieren.
Bildwelten – Weltbilder: Eine wechselseitige Spiegelung
Das Werk zeigt exemplarisch, wie Bildwelten – also die konkreten visuellen Universen, die ein Bild konstruiert – Ausdruck bestimmter Weltbilder sein können.
Die zersplitterte, offene, prozessuale Bildwelt verweist auf ein Weltbild, das: