Alter Grieche, 2026, Acryl/Collage, 70 x 100 cm
Das Gemälde erscheint zunächst als vielschichtige, beinahe geologische Oberfläche. Farbspuren, Überlagerungen, Spritzer und Durchbrüche lassen keine eindeutige Hierarchie der Ebenen zu.
Unter den Farbschichten scheint ein klassisches Bildfragment zu überleben: das Profil eines Gesichts, reduziert auf ein Auge — Blick ohne Körper, Subjekt ohne metaphysische Ganzheit.
Die Bildfläche wirkt nicht komponiert im traditionellen Sinn, sondern gewachsen, verletzt, überschrieben. Sie trägt Spuren von Eingriff, Zeit, Korrektur, Zufall.
Das Bild erscheint so als kulturelles Sediment: Vergangenheit verschwindet nicht — sie wird übermalt, verschoben, aber bleibt wirksam.
Das Auge – Rest der metaphysischen Perspektive
Das isolierte Auge wirkt wie ein archäologisches Fossil des klassischen Denkens.
Es stammt von einem der berühmten Fresken von Masaccio in der Brancacci-Kapelle in Florenz.
Es erinnert an jene Epoche, in der Blick, Erkenntnis und Ordnung noch zusammenfielen. Doch hier ist dieser Blick fragmentiert, aus dem Zusammenhang gerissen.
Das Auge sieht — aber es garantiert keine Totalität mehr.
Es ist Spur einer Epoche, in der Welt noch als Ganzes denkbar erschien.
Jetzt existiert es als: Rest, Erinnerung, struktureller Schatten.
Nicht zerstört, sondern relativiert.
Die Farbspritzer und gestischen Eingriffe wirken gleichzeitig zerstörend und vital.
Sie sind keine Auslöschung, sondern Narbenbildung.
Sie markieren den Moment, in dem Geschichte nicht mehr harmonisch weitergeschrieben wird, sondern eruptiv eingreift.
Farbe wird hier zum Ereignis: Nicht Dekoration, sondern Zeitspur. Nicht Ornament, sondern Störung.
Im rechten unteren Bereich erscheint die Figur des alten Griechen:
Bart, kahler Kopf, weit geöffnete Augen, ein Gesicht zwischen Staunen, Erkenntnis und komischer Überforderung. Die Figur ist bewusst
cartoonhaft. Hier tritt Philosophie nicht als erhabene Weisheit auf, sondern als:
- Narr
- Gaukler
- Geschichtenerzähler
- Zeuge des Chaos
Das Bild wirkt nicht wie Darstellung von Welt, sondern wie Zusammenarbeit mit Materie.
Farbe, Struktur, Oberfläche wirken eigenaktiv.
Die Materie erscheint nicht tot, sondern als Prozess, als Energie, als Form in Bewegung.
Das Gemälde spiegelt nicht nur Leben —
sondern die Dynamik von Stofflichkeit selbst.
Das Bild erschafft Formen, die keine endgültigen Wahrheiten behaupten —
aber trotzdem tragfähig sind.
Es erzeugt stabile Momente im Fluss.
Es könnte Wahrheiten auf Zeit schaffen.
Die Darstellung wird so zur existenziellen Geste:
Kurz aus dem Strom treten, um überhaupt etwas erkennen zu können.
Das Bild besitzt keine zentrale Ordnung —
und ist doch nicht chaotisch im trivialen Sinn.
Vielmehr entsteht eine lokale Ganzheit aus:
- Fragment
- Geste
- Ironie
- Erinnerung
- Materie
- Geschichte
- Ordnung ohne metaphysischen Ursprung.
Das Gemälde deutet eine Einheit an, die nicht begrifflich fixiert werden kann.
Gegensätze existieren gleichzeitig:
- Ordnung und Auflösung
- Ernst und Spiel
- Denken und Material
- Leben und vermeintlich „tote“ Materie
Der „Alte Grieche“ ist kein Hüter vergangener Wahrheit.
Er ist Figur im Übergang.
Er steht an der Grenze zwischen:
- Metaphysik und Chaos
- Denken und Spiel
- Wissen und Staunen