BOOOM (Triumph des Pan)

2020, Öl/Leinwand, 100 x 120 cm

 

 

 

„BOOOM (Triumph des Pan)“ ist kein festlicher Einzug, sondern eine Kollision: Körper und Bedeutungen, Farben und Zeiten, Mythos und Pop-Ikonografie. Der Raum ist brüchig, das Blau des Hintergrunds kein klassischer Himmel, sondern eine vibrierende Fläche, die Meer und Bühne zugleich ist—ein Übergangsort, an dem der Gott nicht schreitet, sondern explodiert.

 

Arkadien reloaded

 

Links neigt sich ein Körper über ein Gefäß, die Haltung gekrümmt, fast lauschend. Die Haut ist warm und fleischlich, doch von groben, sichtbaren Pinselzügen zerfurcht. Diese Malweise verweigert die glatte Ordnung der klassischen Anatomie und ersetzt sie durch ein tastendes Werden.

Ein Ziegenhorn liegt quer im Bild, als sei es aus einem anderen Register eingeschoben. Hier kippt Arkadien: Natur erscheint nicht als Harmonie, sondern als Überschuss, als etwas, das nicht mehr in eine symbolische Ordnung zurückkehrt.

 

Pan als Schlag

 

Rechts erhebt sich eine dominante Figur, deren Kopf von einer übergroßen, fast grotesk aufgeblähten Form überdeckt ist. Der Körper trägt vielleicht rote Handschuhe, Zeichen des Spiels, der Gewalt, vielleicht des Boxrings. Pan ist hier nicht der Tänzer, sondern der Impuls selbst: der Schlag, der Einschlag.

„BOOOM“ wird zur visuellen Onomatopoesie (Lautmalerei). Das Wort erscheint plakativ im Bildraum, weiß gerändert, wie aus der Sprache der Werbung entlehnt. Der Mythos spricht plötzlich Pop, der Triumph wird Slogan, der Gott zur akustischen Wucht.

 

Vegetation und Maske: Dionysos

 

Unten rechts hockt eine weitere Gestalt, halb Mensch, halb Laub. Das Gesicht tritt aus dem Grün hervor wie eine Maske der Vegetation—grinsend, wissend, beinahe spöttisch: Dionysos. Er verkörpert eine diffuse Präsenz, die sich nicht mehr in Tanz und Reigen ordnet, sondern im Dickicht verheddert.

 

Nicholas Poussin, Triumph des Pan,1636

 

Dialog mit Poussin: Ordnung und Störung

 

Im Vergleich zu Poussins „Triumph des Pan“, in dem der Gott als Zentrum eines wohlgeordneten Reigens erscheint, verschiebt „Booom“ den Begriff des Triumphs radikal. Dort: Prozession, Staffelung, arkadische Klarheit. Hier: Überlagerung, Drängen, ein Ineinanderfallen der Figuren und Ebenen.

Die Komposition ist nicht axial, sondern zentrifugal. Farben schreien gegeneinander—das tiefe Blau gegen das aggressive Rot, das fleischige Ocker gegen das giftige Grün. Wo Poussin die Antike rationalisiert und beruhigt, deklassiziert „Booom“ sie produktiv: Pan ist nicht Maß, sondern Maßlosigkeit; nicht Ordnung, sondern Störung.

 

Panischer Schrecken: Mythos, Mittag, Blick

 

Dem eruptiven Triumph ist ein Moment eingeschrieben, der bei Poussin nur als ferne Möglichkeit anklingt, hier jedoch ins Zentrum rückt: der panische Schrecken. In der antiken Überlieferung erschreckt Pan die mittäglichen Wanderer im Moment größter Stille – wenn die Sonne hoch steht, die Landschaft ruht und die Ordnung trügerisch erscheint.

 

Im Gemälde materialisiert sich dieser Schrecken nicht als Szene, sondern als Bildzustand. Er liegt in der Unruhe der Komposition, im Übermaß der Formen, im Blau des Hintergrunds. „BOOOM“ ist weniger Explosion als Schrecksekunde. Die roten Formen (Handschuhe ?), die grotesk vergrößerte Kopfform, das grinsende Laubgesicht des Dionysos: Sie wirken wie Erscheinungen im Augenwinkel, nicht ganz greifbar, aber insistierend.

Ironisch ist dabei, dass der panische Schrecken hier nicht mehr die Wanderer im arkadischen Mittag befällt, sondern die Bildbetrachter selbst. Wer schaut, wird heimgesucht. Der Blick findet keinen Ruhepunkt, keine klassische Distanz.

 

Natürlich bewundere ich Poussin - wie viele andere auch. Ich habe einige Fragente aus seinen Bildern genommen und sie malerisch in mein Werk eingefügt - selbstverständlich mit der gehörigen Distanz!  BOOOM!

 

Pan triumphiert nicht, weil er noch immer erschrecken kann – im Bild. Der Schrecken ist dabei doppelt ironisch: mythisch trifft er die Wanderer in der glühenden griechischen Mittagshitze und bildlich die Betrachter von BOOOM.

Der panische Schrecken ist der (un)heimliche Kern des Bildes: jenes unsichtbare Beben, das sich zwischen Farbe und Figur ausbreitet und den Betrachter für einen Moment in den Zustand versetzt, den Pan seit jeher beherrscht – das plötzliche, grundlose, aber unwiderlegbare Erschrecken vor einer offenen Welt.

 

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