Der Pizzabäcker (Vesuvio), 2021, Öl/Leinwand, 120 x 100 cm

 

 

Unter dem Titel „Der Pizzabäcker (Vesuvio)“ verschiebt sich das Bild von einer topografisch-symbolischen Szene hin zu einer mythologisch aufgeladenen Rolleninszenierung. Die zentrale Figur - der junge Pizzabäcker - tritt als ordnende, kultivierende Instanz auf. Seine helle Kleidung und die Kopfbedeckung sowie das violette Halstuch verweist auf den selbstbewußten Bäcker - so als ob das Pizzabacken eine Art Geheimwissenschaft wäre. In seinen Händen hält er die Pizza wie eine flache, glutrote Scheibe, die zugleich Brot, Opfergabe und gezähmtes Feuer ist.

 

Die Pizza

 

Die Pizza fungiert als Scharnier zwischen Natur und Kultur. Ihre Oberfläche erinnert unmissverständlich an Lava, an den Vesuv selbst im Hintergrund – doch die Pizza ist gebändigt, essbar, in eine runde, harmonische Form gezwungen. Der Pizzabäcker wird so fast zum Vulkan-Gott: Er verwandelt zerstörerische Energie in Nahrung, Hitze in Genuss.

 

Peter Paul Rubens, Zwei Satyrn, 1618

 

Die Satyrn

 

Diese Lesart wird entscheidend vertieft durch meine malerischen Vor-Bilder der beiden mittleren Köpfe: Rubens’ „Zwei Satyrn“. Ihre Platzierung im unteren Bildzentrum, halb im Grün versunken, macht sie zu chthonischen Wesen: aus der Erde aufsteigend, triebhaft, ungebändigt. Ihre schweren, groben Gesichtszüge und die erdigen Farben kontrastieren scharf mit der Klarheit und Helligkeit der menschlichen Hauptfigur. Wie bei Rubens verkörpern sie das Dionysische – Lust, Naturtrieb, Maßlosigkeit –, hier jedoch fragmentiert, domestiziert, in die Vegetation zurückgedrängt.

 

Kultur - Natur

 

Der Pizzabäcker steht diesen Satyrn nicht frontal gegenüber, sondern über ihnen. Er hebt die Pizza auf Augenhöhe des Betrachters, nicht auf die der Satyrn. Damit entsteht eine subtile Hierarchie: Kultur wird gezeigt, Natur bleibt unten. Die Satyrn sind integriert – sie bilden den Untergrund, aus dem die Szene ihre Energie bezieht. Der Akt des Backens erscheint so als sublimierter Ritus: ein Ersatz für archaische Opfer, ein modernes Kultbild.

 

Landschaft und Architektur

 

Der Hintergrund verstärkt diese Spannung. Der Vesuv liegt ruhig, fast gelassen am Horizont, das Meer ist glatt, das Blau kühl und stabil. Doch der rote Bogen – halb Architektur, halb Glutrahmen – erinnert daran, dass diese Ruhe prekär ist. Das Feuer ist nicht verschwunden, nur umgelagert: aus dem Berg in den Ofen, aus der Eruption in die Pizza.

 

Übergänge und Blicke

 

Das zusätzliche, helle Maske rechts unten wirkt in dieser Lesart wie ein Gegenpol zu den Satyrn: eher staunend oder suchend. Sie könnte als menschlicher Betrachter im Bild gelesen werden – oder als Übergangsfigur zwischen Satyr und Zivilisation, zwischen Naturwesen und Kulturmensch.

 

Stoff

 

Maltechnisch unterstützt die expressive, körperliche Pinselführung diese Deutung. Die Farbe ist nicht glatt, sondern aufgewühlt; sie trägt Spuren von Bewegung und Widerstand. Das Bild „arbeitet“ sichtbar – wie Teig, wie Lava. Ordnung entsteht nicht durch Glätte, sondern durch Formgebung im Chaos.

„Der Pizzabäcker“ erscheint so als zeitgenössische Allegorie: eine Synthese aus Mythos, Alltagskultur und Kunstgeschichte. Rubens’ Satyrn werden aus dem barocken Überfluss in eine moderne, mediterrane Szene versetzt; der Vesuv wird vom Schicksalsberg zur Kochstelle der Kultur.

 

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