Fragmentierte Ikone, 2025, Acryl/Photocollage, 48 x 33 cm

 

Spiel zwischen Epochen

 

Die übermalte Collage entfaltet sich als vielschichtiges Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen sakralem Ernst und popkultureller Leichtigkeit, zwischen der Last der Tradition und dem anarchischen Gestus des Übermalens. Was zunächst wie ein wirres Nebeneinander erscheint, offenbart sich bei näherem Hinsehen als präzises Aufeinanderstoßen von Bildwelten, die sich gegenseitig durchdringen und zugleich in Spannung halten.

 

Der sakrale Hintergrund

 

Im Hintergrund öffnet sich eine Bildwelt, die an mittelalterliche oder frühneuzeitliche Darstellungen erinnert und die Aura des Sakralen in sich trägt. Figuren, die ihr Gesicht in die Hände legen, verweisen auf Leid, Trauer oder kontemplative Einkehr und erzeugen eine tief religiös konnotierte Emotionalität. Diese Aura wird jedoch sogleich gebrochen und überlagert – ja fast entheiligt – durch die kraftvollen, grellen und in ihrer Direktheit plakativen Setzungen der Übermalung.

 

Störungen der Bildordnung

 

Inmitten dieser alten Bildtradition tauchen Formen auf, die aus völlig anderen Sphären zu stammen scheinen:

  • ein kantiges, comicartiges Gesicht mit aggressivem Blick, zugleich futuristisch fragmentiert,

  • ein großflächiges blaues „P“, das wie ein zufälliges Signet zwischen die Figuren tritt,

  • eine psychedelische, kreisrunde Fläche mit leuchtend rotem Punkt, die die sakrale Symbolik durch popkulturelle Energie ersetzt,

  • und schließlich eine grüne, vase- oder maskenartige Form, deren farbige Elemente an eine karikaturhafte Fratze erinnern.

Diese Übermalungen fungieren nicht als dekorative Ergänzung, sondern als bewusste Störung. Sie verschieben die ursprüngliche Bedeutung, reißen die Szene aus ihrem historischen Kontext und werfen sie in ein kaleidoskopisches Jetzt, in dem jede Form ihre feste Zuschreibung verliert.

 

Tradition der Collage

 

Seit Dada und Surrealismus dient die Collage dazu, alte Ordnungen zu zerstören und neue Sinnzusammenhänge herzustellen. Was mit Duchamps „Readymades“ oder Hannah Höchs Collagen begann, setzt sich hier in aktualisierter Form fort: eine Bildsprache, die kein einheitliches System mehr kennt, sondern nur noch Fragment, Zitat und Überlagerung.

Zugleich lässt sich die Nähe zur Pop-Art spüren, die Heiliges und Banales, Hoch- und Trivialkultur gleichberechtigt nebeneinanderstellt. Doch im Unterschied zur glatten Oberfläche der Pop-Art schwingt hier ein Moment der Störung und Ironie mit – eine Skepsis gegenüber jedem geschlossenen Bildsystem.

 

Geschichte und Gegenwart im Dialog

 

Die Kombination aus sakralem Hintergrund und poppiger Übermalung wirft Fragen nach dem Verhältnis von Geschichte und Gegenwart auf. Der religiöse Ernst des Hintergrunds, der für eine Zeit steht, in der Kunst und Spiritualität eng miteinander verwoben waren, wird von Zeichen einer Gegenwart überlagert, die in Fragmenten, Symbolen und Konsumästhetiken denkt.

So entsteht ein Kommentar zu unserer heutigen Art der Bildrezeption: Wir lesen nicht mehr in der Tiefe einer einzigen Erzählung, sondern in der Gleichzeitigkeit vieler Codes. Ein Buchstabe ist nur ein Buchstabe, ein Kreis kann Sonne, Planet oder Zielscheibe sein, eine Maske zugleich Schutz und Verzerrung der Identität.

 

Die fragmentierte Ikone

 

Der Titel „Fragmentierte Ikone“ verweist indirekt auf die lange Tradition der Ikonenbilder. In der byzantinischen Kunst war die Ikone nicht bloß Darstellung, sondern Gegenwart – ein Fenster zum Göttlichen. Die Fragmentierungen und Übermalungen dieser Collage verschieben jedoch den Blick weg von ikonischer Geschlossenheit hin zu einem offenen, pluralen Bildraum.

So entsteht eine Ikone unserer Gegenwart: eine Versammlung von Resten, Fragmenten und Überlagerungen. Diese Fragmentierung verweist einerseits auf den Verlust sakraler Aura, der seit der Moderne – spätestens seit Walter Benjamins Analyse der technischen Reproduzierbarkeit – nicht mehr ungebrochen aufrechterhalten werden kann. Andererseits eröffnet sie neue Möglichkeiten. Die Ikone wird nicht vernichtet, sondern transformiert.

Sie trägt die Aura des Heiligen weiterhin in sich, jedoch nur noch als Spur, als gebrochene Linie, die in die Gegenwart hineinragt – und gerade dadurch Bedeutung gewinnen kann.

 

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