Holofernes, Pan, Superman

2011, Aquarell, 74 x 54 cm

 

 

 

 

 

 

Die Figuren, die das Bild bevölkern, tragen Namen, doch diese Namen funktionieren nicht mehr als Verankerungen. Holofernes ist nicht mehr der historische oder biblische Feldherr, Pan nicht der arkadische Gott, Superman nicht der moderne Erlöser. Sie sind ikonische Reste, freigesetzt aus ihren Ursprungsmythen.

Das platonische Schema – Idee → Abbild → Trugbild – ist hier außer Kraft gesetzt. Es gibt kein Urbild, dem diese Gestalten entsprechen oder widersprechen könnten. Sie sind gleichrangige Oberflächen, deren Wahrheit nicht hinter ihnen liegt, sondern in ihrer Koexistenz, ihrer Reibung, ihrem Übermaß.

 

Metamorphose statt Figur

 

Die Körper im Bild sind keine stabilen Einheiten. Sie sind Übergänge. Fleisch wird Farbe, Farbe wird Geste, Geste wird Fragment. Der blaue Körper Supermans ist nicht Zeichen von Stärke, sondern ein reines Intensitätsfeld, eine Fläche, auf der sich das Versprechen der Moderne erschöpft.

Pan verliert seine mythologische Erdung und wird zum animalischen Echo, ein Zuviel an Leiblichkeit, das nicht mehr naturhaft, sondern post-naturhaft wirkt.
Der Kopf des Holofernes ist nicht Opfer und nicht Mahnung – er ist ein Blick, der ins Leere geht, weil es nichts mehr zu erkennen gibt außer der eigenen Bildhaftigkeit.

 

Der Blick des Simulakrums: Sehen ohne Wahrheit

 

Die offenen Augen im unteren Bildbereich sind kein moralischer Appell. Sie sind reine Sichtbarkeit. Sie blicken nicht auf eine Welt, sondern auf das Bild selbst – und damit auf uns. Doch dieser Blick enthüllt nichts. Er bestätigt nur, dass es keine verborgene Tiefe mehr gibt, die entschlüsselt werden müsste.

Der Held, der traditionell den Blick erwidert oder lenkt, verweigert hier sein Gesicht. Superman kehrt uns den Rücken zu – nicht aus Scham, sondern weil das Simulakrum keine Subjekte mehr benötigt. Es funktioniert ohne Zentrum.

 

Farbe als dionysische Maschine

 

Die Aquarelltechnik ist entscheidend: Farbe fließt, versickert, widerspricht der Linie. Sie gehorcht keiner Formidee. Blau durchdringt Braun, Rot löst Konturen auf, Schwarz hält nichts fest. Die Farbe ist nicht Mittel, sondern Produktionskraft.

In diesem Fließen zeigt sich das dionysische Moment des Simulakrums: eine affirmative Zerstörung von Ordnung. Nicht Chaos, sondern Überlagerung. Nicht Auflösung, sondern Metamorphose ohne Ziel.

 

Mythos nach der Moderne: Zeichen ohne Erlösung

 

Indem das Bild mythologische, religiöse und popkulturelle Figuren zusammenschaltet, entlarvt es den Mythos selbst als Bildmaschine. Kein Mythos ist ursprünglicher als der andere. Alle sind gleich flach – und gerade darin gleich wirksam.

Das Simulakrum ersetzt die Frage nach Wahrheit durch die Frage nach Intensität: Welche Kräfte werden hier freigesetzt? Welche Affekte entstehen? Welche Bewegungen setzen sich fort?

 

Dieses Aquarell lügt nicht. Es täuscht nicht. Es verführt auch nicht. Es existiert – und das genügt.
Als Simulakrum der Moderne verweigert es jede Rückbindung an ein Jenseits der Bilder. Es zeigt, dass Wirklichkeit selbst bildhaft geworden ist: ein Geflecht aus Zeichen, Körpern, Farben, ohne Ursprung und ohne Ende.

„Holofernes, Pan, Superman“ ist kein Bild über den Verlust der Wahrheit.
Es ist ein Bild nach diesem Verlust.
Und gerade darin – in seiner dionysischen, unaufhaltsamen Produktivität – liegt seine radikale Gegenwärtigkeit.

 

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