Postmoderne Epiphanie, 2008, High Definition Print, 100 x 70 cm
Die Collage, in der sich ein mittelalterlich-sakraler Bildraum mit einer scheinbar beiläufigen Szene des modernen Alltags verschränkt, eröffnet ein Spannungsfeld, das über reine Ästhetik hinausweist. Sie ist ein Bild des Übergangs, des Dazwischen, des Aufeinandertreffens zweier Ordnungen, die einander zugleich widersprechen und bedingen. In dieser Überlagerung entsteht jene „postmoderne Epiphanie“ – eine Offenbarung, die nicht mehr aus dem Himmel fällt, sondern aus der Gleichzeitigkeit der Bilderwelten, die unser Denken und Fühlen formen.
Welten-Panoptikum
Traditionelle religiöse Kunst arbeitet mit klaren Hierarchien: oben das Göttliche, unten das Irdische; hier der Betrachter, dort die Heiligen; ein eindeutiges System von Rang, Bedeutung und Transzendenz. Die Collage hebt diese Strukturen auf, indem sie eine Rolltreppe – ein technisch-nüchternes Symbol der Bewegung und Mischnutzung urbaner Räume – zwischen der himmlischen und der irdischen Welt in Betrieb nimmt. Die Frau im roten Mantel fährt entweder nach oben oder nach unten. Sie oszilliert sozusagen zwischen den beiden Welten: der metaphysischen und irdischen. in das Gebiet des Erhabenen und vice versa. Sie ist weder eine Märtyrerin noch eine Visionärin; sie fährt mechanisch, gelassen, fast gleichgültig.
Die Sakralfiguren, die ich übrigens einem Werk von Fra Angelico entnommen habe – der einer meiner Lieblingsmaler ist – deren goldene Heiligenscheine einst spirituelle Autorität markierten, wirken nun wie ornamentale Zuschauer einer alltäglichen Geste: des Hinauf- und Hinunterfahrens – wie in einem Welten-Panoptikum.
Eine Ikonografie des Banalen?
Diese Verschiebung verweist auf eine tiefe kulturelle Entwicklung: Das Banale selbst ist zum Ort metaphysischer Bedeutungen geworden. Mode, Bewegung, urbane Routinen – sie fungieren als Symbole einer Welt, in der Transzendenz nicht mehr als außerhalb des Lebens gedacht wird, sondern als im Leben selbst enthalten. Die Rolltreppe wird zur Metapher des stetigen, unaufhörlichen Transits: Wir gleiten durch Zustände, Rollen, Identitäten, ohne dass eine endgültige Form erreicht wird. Die Epiphanie ereignet sich nicht als leuchtende Ausnahme, sondern als Erkenntnis im Fluss.
Überlagerung der Zeiten: Das Palimpsest als Weltmodell
Die Collage ist ein visuelles Palimpsest. Historische und gegenwärtige Bildschichten existieren ineinander, ohne dass eine die andere auslöscht. So entsteht ein ästhetisches Zeitmodell, das typisch für die Postmoderne ist: Vergangenheit wird nicht historisiert, sondern recycelt, aktualisiert, ironisiert. Die Heiligen sehen nicht mehr auf ein göttliches Wunder, sondern auf unsere alltägliche Welt – ein Kommentar zur kulturellen Verschiebung der Aufmerksamkeit. Was wir verehren, was wir beachten, was wir für bedeutend halten, ist nicht mehr durch religiöse Systeme bestimmt, sondern durch mediale Rhythmen und individuelle Perspektiven.
Das Überlagern der Ebenen verweist zugleich auf die Fragmentierung der Gegenwartserfahrung. Die Collage sagt: Nichts erscheint mehr für sich allein. Jede Wahrnehmung ist durchtränkt von anderem, von Vergangenem, von Bildern, die unbewusst mitschwingen. Die Epiphanie der Postmoderne besteht darin, diese Vielschichtigkeit nicht als Störung, sondern als Zustand zu begreifen – als Offenbarung der Tatsache, dass wir in Bildern denken, die aus unzähligen Quellen stammen.
Der ironische Glanz des Erhabenen
Die sakralen Figuren scheinen ehrfürchtig nach oben zu schauen, doch ihre Gesten verlieren in der neuen Bildlogik ihren eindeutig religiösen Sinn. Die Ironie entsteht nicht aus Spott, sondern aus Kontextverschiebung: Das Erhabene wird nicht entwertet, sondern in den Dialog mit dem Profanen gezwungen. Dadurch entsteht ein Schwebezustand, in dem die tradierten Symbole zwar noch strahlen, aber keine eindeutige Botschaft mehr vermitteln.
Gerade diese Ambiguität ist ein Kernmerkmal postmoderner Epiphanie: Die Offenbarung ist nicht mehr eine Wahrheit, die sich unvermittelt zeigt, sondern eine Erkenntnis, die aus der Vieldeutigkeit erwächst. Die Collage macht sichtbar, dass jeder Versuch, klare Grenzen zwischen Sakralität und Alltäglichkeit zu ziehen, an der Realität unserer Wahrnehmungswelt vorbeigeht.
Erkenntnis im Zeitalter des Nebeneinanders
Die entscheidende Frage lautet: Was offenbart sich hier eigentlich? Vielleicht die Einsicht, dass unsere Welt selbst ein ständiger Überlagerungszustand ist – zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Spiritualität und Konsum, zwischen Bedeutung und Beliebigkeit. Die postmoderne Epiphanie ist kein göttliches Licht, das von außen kommt, sondern der Moment, in dem wir die Gleichzeitigkeit all dieser Ebenen bewusst erkennen.
In diesem Sinn ist die Collage nicht nur ein ästhetisches Experiment, sondern ein philosophisches Statement. Sie zeigt, dass Offenbarung in einer Welt der Bilder nicht mehr als singuläres Ereignis verstanden werden kann. Sie ist ein Prozess des Sehens, ein Innehalten im Strom der Überlagerungen. Die Heiligen und die Rolltreppe, der rote Mantel und das Gold – sie alle sprechen miteinander, ohne dass eine Stimme dominieren muss.
Die moderne Epiphanie ist nicht mehr vertikal, sondern horizontal. Sie steigt nicht vom Himmel herab, sie gleitet an uns vorbei – vielleicht auf einer Rolltreppe –, und wir erkennen sie nur, wenn wir die Fähigkeit entwickeln, in den Brüchen und Überlagerungen unserer Bildwelt Sinn zu entdecken. Die Collage zeigt die Schönheit und die Verwirrung dieses Zustands: eine Offenbarung, die sich nicht in einer Wahrheit manifestiert, sondern in der Gleichzeitigkeit unzähliger Wahrheiten.