Tomato-Cutie, 2026, Acryl/Leinwand, O 30 cm
„Tomato Cutie“ erscheint wie ein Emblem: Das runde Bildformat erinnert an Buttons, Profilbilder oder App-Icons – geschlossene Systeme visueller Identität. In ihrer Mitte leuchtet die Tomate, rot und präsent, fast sphärisch aus dem Bildraum hervortretend. Die pastose Malweise verleiht ihr eine körperliche Dichte; das Rot ist nicht glatt, sondern bewegt, geschichtet, tastbar. Licht bricht sich in den Spuren des Pinsels und macht aus der Oberfläche ein Relief.
Das Grün ihrer Blätter, von dunklen Konturen gefasst, krönt die Frucht wie ein lebendiger Kopfschmuck. Die Linien sind klar, fast comicartig, und setzen einen bewussten Kontrast zur expressiven Hintergrundmalerei. Figur und Grund stehen in einem Spannungsverhältnis: präzise Umrisslinie hier, gestische Farbflächen dort.
Mit ihren großen, glänzenden Augen, den rosigen Wangen und dem kleinen, geschwungenen Lächeln bedient die Tomate eine Bildsprache, die aus unserer digitalen Kultur vertraut ist. Niedlichkeit fungiert hier nicht nur als dekoratives Element, sondern als Kommunikationsform – als universelle Geste der Zugänglichkeit. In einer Gegenwart, in der visuelle Identitäten oft in runden Icons zirkulieren und Produkte durch sympathische Maskottchen eine emotionale Aufladung erfahren, erscheint diese Tomate wie ein Hybrid aus Naturform und Avatar.
Doch das Bild bleibt nicht im rein Illustrativen stehen. Die Übersetzung der „Cutie“-Ästhetik in Malerei verändert ihre Qualität. Was im Digitalen glatt und immateriell wäre, wird in der pastosen Malerei schwer, greifbar, farbsatt. Die Affirmation der Niedlichkeit ist also keine bloße Reproduktion, sondern eine Transformation: Das Motiv wird durch die Materialität der Farbe verlangsamt, intensiviert, vielleicht auch subtil gebrochen. Man könnte mit Walter Benjamin sagen, die digitale triviale Immaterialität wird im Original-Gemälde "auratisch".
In dieser Spannung entfaltet sich eine Form des Pop-Surrealismus. Eine gewöhnliche Tomate erhält ein Gesicht – nicht naturalistisch, sondern ikonografisch überhöht. Sie ist zugleich vertraut und befremdlich. Ihre Augen wirken freundlich, fast beseelt; doch gerade diese Vermenschlichung verschiebt die Wahrnehmung ins Surreale. Die Frucht schaut zurück.
Der Hintergrund verstärkt diesen Eindruck. Er ist kein realistischer Raum, sondern ein farbliches Kaleidoskop aus Gelb, Rot, Blau und Grün, das sich segmentartig um die Figur legt. Die Farbfelder scheinen aus unterschiedlichen Bildwelten zu stammen, als hätten sich Fragmente eines digitalen Feeds in malerische Gesten übersetzt. Diese visuelle Vielstimmigkeit erzeugt eine traumartige Bühne, auf der die Tomate zugleich Produkt, Figur und Fantasiewesen ist.
„Tomato Cutie“ lässt sich daher weniger als konsumkritisches Statement denn als spielerische Reflexion lesen. Die Bildwelt der Warenästhetik – ihre Freude am Glanz, am Charme, an der Überzeichnung – wird nicht einfach entlarvt, sondern lustvoll aufgegriffen. Die Malerei feiert die Farbe, die Oberfläche, das Strahlen. Gleichzeitig verschiebt sie die vertraute Ästhetik in einen Bereich, in dem das Alltägliche leicht ins Märchenhafte kippt.
Die Tomate ist Objekt und Subjekt zugleich: Frucht und Figur, Produkt und Persönlichkeit. Ihr Lächeln ist offen, nicht ironisch gebrochen – doch in der Intensität der Farben und der dichten Materialität liegt eine bewusste Übersteigerung. So entsteht ein Bild, das die Logik der „Cuties“ unserer Zeit nicht negiert, sondern in ein malerisches Ereignis überführt: greifbar, leuchtend, ein wenig traumhaft.
„Tomato Cutie“ wird so zur Ikone einer Gegenwart, in der Pop, Surrealität und Warenästhetik nicht Gegensätze sind, sondern ineinanderfließen.