Venezia 01, 2025, Acryl/Photocollage, 100 x 70 cm

 

 

Die übermalte Collage „Venezia“ entfaltet sich als spannungsreiches Gefüge aus Wiedererkennbarkeit und Verfremdung, aus ikonischer Stadtansicht und subjektiver Überarbeitung. Sie zeigt Venedig nicht als topografisch verlässlichen Ort, sondern als verdichteten Erinnerungsraum, in dem historische Zeichen, malerische Gesten und dekorative Fragmente ineinandergreifen.

Im oberen Teil der Collage lassen sich klar identifizierbare architektonische Motive ausmachen. Der schlanke, vertikal aufragende Campanile di San Marco bildet eine visuelle Achse, während rechts davon ein Ausschnitt des Dogenpalast mit seinen hellen Steinflächen und gotischen Fensterformen erscheint. Diese Bauwerke fungieren als ikonische Marker venezianischer Geschichte und Macht. Zugleich sind sie angeschnitten, überlagert und von Farbspritzern durchzogen, sodass ihre Monumentalität gebrochen wird. Sie wirken weniger wie stabile Architektur als wie Bildzitate, die dem Zugriff der Malerei ausgesetzt sind.

 

Wasser als malerische Masse

 

Über diese stadträumlichen Fragmente legt sich eine gestische Farbschicht. Breite horizontale Pinselzüge in Türkis und dunklem Grün dominieren die Bildmitte und evozieren unmittelbar das Wasser der Lagune. Dieses Wasser erscheint nicht als idyllische Spiegelung, sondern als schwere, träge Masse. Diese Farbbahnen lassen an Feuchtigkeit, Erosion und fortwährende Auflösung denken – als ob die Stadt nicht nur vom Wasser getragen, sondern zugleich von ihm unterwandert und angegriffen würde.

 

Grafische Interventionen

 

Dazwischen setzen leuchtende Farbformen in Gelb, Rot und Blau markante Akzente. Sie schieben sich bogenförmig und diagonal ins Bild, wirken beinahe grafisch und stehen in deutlichem Kontrast zur historischen Architektur. Diese Elemente erinnern an abstrahierte Brücken, Fahnen oder Zeichen und bringen eine zeitgenössische Bildsprache ins Spiel, die Perspektive und räumliche Ordnung bewusst unterläuft. Sie erzeugen Bewegung und Spannung und durchbrechen jede Illusion eines harmonischen Stadtbildes.

 

Ornament und Intimität

 

Im unteren Bildbereich treten ornamental-florale Musterfragmente auf dunklem Grund hervor. Sie erinnern an Textilien, Tapeten oder dekorative Oberflächen und verleihen der Collage eine sinnliche, beinahe intime Dimension. Diese floralen Einsprengsel stehen der repräsentativen Architektur des oberen Bildteils gegenüber und erweitern die Stadtansicht um Aspekte von Ästhetisierung und kulturellem Konsum. Zugleich betonen sie den Collagecharakter des Werks und machen das Zusammengesetzte, Fragmentarische sichtbar.

 

Überschriebene Stadt

 

In der Überlagerung all dieser Ebenen entsteht ein palimpsestartiges Bild. Venedig erscheint hier nicht als harmonische Einheit, sondern als Stadt unter Schichten: von Geschichte, Bildern, Farben und Projektionen. Campanile und Dogenpalast bleiben als kulturelle Signaturen erkennbar, verlieren jedoch ihre souveräne Klarheit und werden Teil eines malerischen Prozesses der Überformung.

 

Druckversion | Sitemap
© heereart