Versuchung des hl. Antonius,

2025, Acryl/Photocollage, 70 x 100 cm

 

Die übermalte Fotocollage erscheint wie ein eruptives Tableau jenes „wunderbaren Vorrats an Gewaltsamkeiten, Phantasmagorien, Wahnbildern und Alpträumen mit den Zügen einer Posse “, die Michel Foucault im Nachwort zu Flauberts Versuchung des heiligen Antonius beschreibt (1): ein Ort, an dem sich nicht eine Versuchung, sondern alle Versuchungen zugleich einstellen, ohne Zentrum, ohne Hierarchie, ohne endgültige Wahrheit. Was hier sichtbar wird, ist ein Dispositiv des Sehens, in dem sich Heiligkeit, Groteske, Askese, Begehren und Textualität unaufhörlich ineinander vernetzen.

 

Ikonik

 

Im Zentrum steht das ikonische Antlitz eines hl. Antonius, schwarz-weiß, plakativ, wie aus einem Siebdruck oder einer Andachtsgrafik herausgeschnitten. Dieses Antlitz ist nicht eingebettet, sondern aufgesetzt, wie ein Gedanke, der sich dem Bild aufzwingt. Über dem Haupt schwebt ein Pfeil, der zugleich Richtung, Befehl und Diagramm ist: eine Markierung der Transzendenz, aber auch ein Zeichen jener diskursiven Gewalt, von der Foucault spricht, wenn er beschreibt, wie Bilder, Texte und Visionen den hl. Antonius nicht erlösen, sondern belagern. Der Heilige erscheint hier als Figur innerhalb eines unendlichen Archivs religiöser Imagination.

 

Phantasma als Genussmaschine

 

Um dieses Zentrum herum wuchert eine infernalisch-fröhliche Welt: groteske Wesen mit übergroßen Augen, lachenden Mündern, Essensschüsseln, Weingläsern. Sie erinnern an Dämonen, aber auch an Karikaturen des Konsums, an Maskottchen einer heidnischen Pop-Hölle. Die Versuchung ist nicht mehr das Andere des Heiligen, sondern dessen Spiegelbild, hervorgebracht aus derselben Imagination.

Mit Žižek ließe sich präzisieren: Diese Figuren sind keine bloßen Illusionen, sondern Phantasmen im strengen psychoanalytischen Sinn – Szenarien, die den Genuss organisieren, der dem Subjekt sonst unerträglich wäre. In „Die Pest der Phantasmen“(2) beschreibt Žižek das Phantasma nicht als Täuschung, sondern als notwendige Bühne, auf der Begehren überhaupt erst eine Form erhält. Die Dämonen dieser Collage verführen nicht, indem sie etwas verbergen, sondern indem sie zu viel zeigen: den nackten Genuss, eine obszöne Vitalität, das grausame Glück am Zuviel.

So blicken sie uns an, nicht als Verführer von außen, sondern als Agenten unseres eigenen Begehrens. Ihre Fröhlichkeit ist nicht unschuldig; sie markiert jenen Punkt, an dem das Subjekt sich selbst beim Genießen zusieht.

 

Das Buch

 

Bemerkenswert ist auch das Motiv des Buches in den Händen einer sonst unsichtbaren Figur am rechten Bildrand: ein offenes Buch, aus dem nicht Sinn, sondern Materie quillt. Das ist nicht das Buch des Lebens, aus dem noch lesen könnte. Hier verdichtet sich Foucaults Gedanke, dass Flauberts „Versuchung des hl. Antonius“ kein moralischer Text, sondern eine "Archäologie des Wissens" ist.

 

Verlust der Illusion

 

Die Collage ist keine Darstellung einer Versuchung, sondern deren Struktur. Sie zeigt, was Foucault an Flaubert fasziniert: die Unmöglichkeit, zwischen Vision und Halluzination, Wahrheit und Trugbild, Heiligkeit und Obszönität zu unterscheiden. Alles ist sichtbar, alles ist gleichzeitig – und genau darin liegt die Qual.

Žižeks Kritik setzt hier schärfer an: Die postmoderne Situation ist nicht durch den Verlust der Illusion gekennzeichnet, da wir wissen, dass es Phantasmen sind – und funktionieren dennoch durch sie hindurch.

Der Pfeil über dem Haupt verweist damit nicht auf Transzendenz, sondern auf das, was Žižek den leeren Ort des Begehrens nennt: ein Signifikant, der gerade durch seine Leere mobilisiert. Die Versuchung besteht nicht darin, an das Bild zu glauben, sondern darin, sich vom Bild organisieren zu lassen, ohne an es glauben zu müssen.

 

Das Subjekt im Phantasma

 

So wird diese übermalte Fotocollage zu einer zeitgenössischen Versuchung des heiligen Antonius: nicht asketisch, sondern exzessiv; nicht narrativ, sondern simultan; nicht religiös im engeren Sinn. Sie vermittelt den Betrachtern in jene Position, nicht derjenige zu sein, der sieht, sondern derjenige, durch den hindurch gesehen wird.

Das Bild verlangt keine Identifikation, sondern Komplizenschaft. Es entlarvt nicht die Phantasmen, sondern zeigt ihre Unausweichlichkeit. Gerade darin liegt die „Pest“, von der Žižek spricht: Phantasmen sind nicht pathologisch, weil sie falsch sind, sondern weil sie funktionieren – selbst dort, wo ihre Künstlichkeit offen zutage liegt.

Die Collage bietet keine Befreiung durch Aufklärung. Sie ist keine Kritik der Phantasmen, sondern eine Kritik im Phantasma: ein Bild, das zeigt, wie sehr selbst der Versuch, sich zu distanzieren, bereits Teil der Szene ist.

 

So ergibt sich eine doppelte Perspektive:
– als Archiv der diskursiven Erscheinungen,
– als Maschine des Genießens, die dieses Archiv bewohnbar macht.

Die übermalte Fotocollage ist beides zugleich: ein chaotisches Museum der Zeichen und eine intime Bühne des Begehrens. Sie zeigt, dass die Versuchung des heiligen Antonius nicht vergangen ist – sie hat nur ihre Form gewechselt. Nicht mehr Dämonen flüstern dem Subjekt zu, sondern Bilder.

 

Antonius als imaginäres Künstlerporträt

 

In dieser erweiterten Perspektive lässt sich die Versuchung des heiligen Antonius – und mit ihr auch diese übermalte Fotocollage – auch als ein imaginäres Porträt des Künstlers lesen, verstanden nicht als historisch begrenzte Figur der Moderne oder Postmoderne, sondern als eine transhistorische Gestalt. Theologisch betrachtet könnte Antonius in der Tradition der negativen Theologie stehen: Gott erscheint nicht als tröstende Präsenz, sondern als Abwesenheit, als Schweigen, von Bildern, Stimmen und Visionen überflutet. Diese Überfülle ist vielleicht kein Zeichen des Glaubensverlusts, sondern vielmehr eine radikale Form des Glaubens. In diesem Sinn ist Antonius eine Art Medium, in dem sich Erscheinungen sammeln. Die negative Theologie muss nicht nur im Nichts ausharren, sondern kann sich auch in der Überfülle manifestieren.

 

Der Künstler erscheint hier als Erfinder und als kreativer Verwalter eines Bildüberschusses, der weit in unsere Vergangenheit zurück reicht. Die in der Collage sichtbaren Überformungen – das rohe Grün, die heterogenen Stilregister, die ikonischen Versatzstücke – markieren diese Lage.

 

Literarisch schließlich – und hier schließt sich der Kreis zu Flaubert – ist Antonius auch ein Porträt des Autors. Flauberts lebenslange Arbeit an der Versuchung gleicht selbst einer asketischen Praxis: ein obsessives Durchspielen von Mythen, Wissenschaften, Religionen und Trugbildern. Schreiben wird hier nicht zur Artikulation einer Position, sondern zur Exposition eines Subjekts, das sich den Phantasmen aussetzt. So ist Antonius weder Held noch Opfer, sondern eine Figur der Arbeit. In diesem Sinne wird die Versuchung zum Grundmodus künstlerischer Produktion überhaupt – als Zustand permanenter Belagerung, in dem Kunst die nach Nietzsche einzig mögliche Theodizee verspricht: Präsenz - das Verweilen im unabschließbaren Raum der Bilder.

 

 

 

(1) Nachwort zu Flauberts "Die Versuchung des hl. Antonius", in: Michel Foucault, Dits et Ecrits, Frankfurt 2001, S. 398

(2) Slavoj Zizek, Die Pest der Phantasmen, Wien 1999

 

 

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