Mnemosyne-Gesichter

 

für Franz Hochmayr

 

Die Serie „Mnemosyne“ knüpft bewusst an das späte, unvollendete Projekt von Aby Warburg an: den Bilderatlas Mnemosyne. Warburg verstand Bilder nicht als abgeschlossene Kunstwerke, sondern als Träger von Erinnerung, als Speicher kultureller Energien, die Zeiten, Kontexte und Bedeutungen überdauern. Bilder, so Warburg, erinnern sich – auch gegen ihren historischen Ort.

Ausgangspunkt der Serie sind Gesichter aus den Fresken von Masaccio in der Brancacci-Kapelle. Diese Köpfe, entstanden im frühen 15. Jahrhundert, markieren u. a. einen Wendepunkt der Kunst- und Kulturgeschichte, den man sehr allgemein mit "Renaissance" bezeichnet.

Die „Hintergründe“ der Collagen bestehen aus Ausschnitten nach Bildern von Fra Angelico, der zur selben Zeit der Frührenaissance in Florenz lebte und arbeitete wie Masaccio. Während Masaccio für Erdung, Gewicht und dramatische Körperlichkeit steht, verkörpern Fra Angelicos Bildräume eine andere, komplementäre Dimension: Licht, Transzendenz, kontemplative Ordnung. In der Serie treffen diese beiden Pole nicht historisierend, sondern als Fragmente des kulturellen Gedächtnisses.

 

Gesichter werden isoliert, neu gerahmt und von zeitgenössischen Eingriffen überlagert. Farbe, Zeichen, abstrakte Formen und harte Übermalungen wirken dabei wie das, was Warburg als Nachleben beschrieb: nicht harmonisch, sondern spannungsvoll, oft widersprüchlich, manchmal verletzend.

Wie im Mnemosyne-Atlas entstehen Bedeutungen nicht linear, sondern im Nebeneinander. Masaccios Gesichter begegnen den spirituell aufgeladenen Bildräumen Fra Angelicos und einer Bildsprache der Gegenwart, die beides weder erklärt noch versöhnt. Stattdessen öffnet sich ein Raum des Dazwischen: zwischen Körper und Geist, Andacht und Störung, Erinnerung und Aktualisierung.

 

„Mnemosyne“ versteht sich damit als bildnerisches Denkfeld im Sinne Warburgs. Die Serie fragt, was geschieht, wenn kulturelles Gedächtnis nicht bewahrt, sondern bearbeitet wird – wenn Erinnerung nicht als Archiv erscheint, sondern als lebendiger, konfliktreicher Prozess.
Masaccios Gesichter und Fra Angelicos Bildräume werden so nicht restauriert, sondern weitergetragen: als offene, widerständige Erinnerung, deren Kraft sich im Überleben zeigt, nicht im Stillstand.

 

Druckversion | Sitemap
© heereart