Kultur als Ontologie 2

 
 
 
Nachdem Nietzsche den Körper ontologisiert hat, könnte man dasselbe auch mit der" Kultur" machen, obwohl der Körper vergänglich und verletzlich ist und die Kultur wechselhaft bzw. auch eine "Unkultur" sein kann. Die Frage ist ob das Sein selbst veränderlich sein bzw im Sinne Heideggers aufscheinen kann.
 

Ja – aber nur, wenn man den Begriff der Ontologie selbst verändert. Genau darin liegt die philosophische Herausforderung. Meine Überlegung führt von Nietzsche über Heidegger zu einer möglichen Kulturontologie, die weder den traditionellen Substanzbegriff noch einen starren Kulturbegriff voraussetzt. Es steht aber in Frage, ob man dann noch von Ontologie sprechen kann - oder ob wir es mit dem Gaukelspiel wechselnder Erscheinungen zu tun haben

Nietzsche hat den Körper nicht einfach an die Stelle der Seele, bzw. der Idee gesetzt. Er hat vielmehr die Idee problematisiert, dass hinter den Erscheinungen ein unveränderliches Sein liege. Der Körper ist bei ihm kein Objekt, sondern ein Prozess, ein Kräfteverhältnis, ein Werden. Er ist verletzlich, vergänglich und ständig im Umbau. Sein ist kein ruhendes Sein mehr, sondern eine Organisation von Kräften.

 

Von hier aus könnte man tatsächlich einen Schritt weitergehen: Wenn der Körper nicht trotz, sondern wegen seines Werdens ontologisch ist, warum sollte Kultur nicht ebenfalls ontologischen Rang besitzen?

Allerdings müsste Kultur dann ebenfalls nicht als Bestand von Werken, Normen oder Institutionen verstanden werden, sondern als das Feld, in dem Welt überhaupt erst Gestalt gewinnt. Kultur wäre dann nicht irgendein Überbau, sondern die Weise, in der menschliches Sein sich vollzieht.

 

Heidegger kritisiert die traditionelle Ontologie, weil sie Sein als etwas Dauerhaftes, Vorhandenes oder Substanzielles begreift. Stattdessen spricht er vom Ereignis, vom Aufscheinen und von der Lichtung. Für ihn ist "Seyn" kein Ding, sondern ein Geschehen des Offenbarwerdens.

Deshalb ist das Sein bei Heidegger keineswegs unveränderlich. Zwar verändert sich das Sein nicht wie ein Gegenstand; wohl aber verändern sich die geschichtlichen Weisen, in denen Sein sich zeigt. Heidegger spricht von der Seinsgeschichte. Die griechische physis, die mittelalterliche Schöpfungsordnung, das neuzeitliche Weltbild und das technische "Gestell" sind verschiedene Epochen desselben Seinsgeschehens.

 

Gerade deshalb könnte Kultur als der geschichtliche Ort verstanden werden, an dem sich Sein jeweils zeigt.

Hier würde auch Ernst Cassirer interessant. Für ihn lebt der Mensch in einem Universum symbolischer Formen. Sprache, Mythos, Kunst, Religion und Wissenschaft bilden die Welt, in der wir überhaupt leben können. Cassirer spricht zwar nicht ausdrücklich von Ontologie, aber seine Philosophie legt nahe, dass Kultur die Bedingung jeder Welterfahrung ist. 

 

Noch weiter geht Philippe Descola. Seine Anthropologie zeigt, dass verschiedene Kulturen nicht bloß unterschiedliche Weltbilder besitzen, sondern unterschiedliche Ontologien. Was für uns Natur ist, erscheint in anderen Kulturen als beseelte oder verwandtschaftlich organisierte jeweilige Wirklichkeit. Kultur produziert hier nicht bloß Interpretationen einer identischen Welt, sondern verschiedene Weisen des Seins. Laut Descola ht es in diesem Zusammenhang keinen Sinn, von einem Gegensatz von Natur und Kultur zu sprechen, wie in der abendländischen Tradition.

 

Damit verändert sich auch die Frage nach der "Unkultur".

 

Wenn Kultur ontologisch verstanden wird, bedeutet dies keineswegs, dass jede Kultur "gut" wäre. Ebenso wie der Körper krank, dekadent oder lebensfeindlich sein kann, kann auch Kultur destruktiv werden. Nationalsozialismus, Stalinismus oder religiöser Fanatismus wären dann keine Gegenargumente gegen eine Kulturontologie - vor allem, weil diese "Unkulturen" nach wie vor millionenfache Sympathiesanten haben. 

 

Die Ontologie beschreibt zunächst nur, dass menschliches Sein niemals außerhalb kultureller Formen existiert. Ob diese Formen befreiend oder zerstörerisch sind, ist eine zweite, ethische oder politische Frage.

 

Denn mein Kosmos der Zeichen versteht Kultur nicht als Sammlung großer Werke oder als Kanon. Kultur erscheint vielmehr als das unendliche Netz von Zeichen, Bildern, Mythen und Erinnerungen, durch das Welt überhaupt erst erfahrbar wird. Der Mensch lebt nicht einfach  in einem Zeichenkosmos. Dieser Zeichenkosmos ist geschichtlich wandelbar, fragmentarisch und konflikthaft – und gerade deshalb ontologisch.

Der Mensch hat keine Welt vor der Kultur. Kultur ist nicht etwas, das zum Sein hinzukommt; sie ist die Weise, in der menschliches Sein überhaupt Welt gewinnt.

 

Für Hans Blumenberg lebt der Mensch aufgrund seiner biologischen "Mängel" nicht in einer unmittelbaren Wirklichkeit. Er muss Distanz zur Realität schaffen – durch Mythen, Metaphern, Bilder und kulturelle Institutionen. Kultur ist für ihn keine Verzierung des Lebens, sondern die Antwort auf die Unzumutbarkeit des Absoluten.Wo

 

Der Zeichencharakter der Kultur wäre Ausdruck einer Ontologie, in der "Sein" prozesshaft als kulturell vermitteltes und bildhaft erschlossenes Weltgeschehen erscheint.

 

Hegel bemerkte, dass die Kunst in der Moderne (also zu seiner Zeit die Romantik) ihre höchste Bestimmung nicht mehr in der unmittelbaren Darstellung der Wahrheit erfülle. Während sie für die Griechen noch die bevorzugte Form des Erkennens gewesen sei, werde sie für uns notwendig reflexiv: Sie denke über sich selbst nach.

Mein „Kosmos der Zeichen“ setzt an diesem Punkt an. Ich verstehe die Kunst nicht als Illustration philosophischer Gedanken, sondern als eigenständige Forschung über Bilder, Zeichen und kulturelle Erinnerung. So kann Kunst selbst zu einer Form des Denkens werden.

 

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