Die wahre Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig? die scheinbare vielleicht?... Aber nein! mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!
(Mittag; Augenblick des kürzesten Schattens; Ende des längsten Irrtums; Höhepunkt der Menschheit; INCIPIT ZARATHUSTRA
Friedrich Nietzsche.
Die „wahre Welt“ – seit Platon der Garant von Sinn, Maßstab und Wert – fungierte stets als transzendenter unsichtbarer Fluchtpunkt. Die „scheinbare Welt“ hingegen erhielt ihre Bedeutung negativ: als defizitäre Kopie, als trügerische Oberfläche. Nietzsches Genealogie zeigt, dass diese Zweiteilung kein ontologischer Befund, sondern eine moralisch-psychologische Erfindung ist. Laut Nietzsche diente "Wahrheit" der Abwertung des Lebens.
Nietzsches Pointe liegt in der Einsicht, dass der Begriff des Scheins ohne den Begriff der Wahrheit sinnlos wird. Der Schein ist kein selbstständiges Phänomen, sondern eine relationale Kategorie. Er existiert nur im Horizont eines vermeintlich „Wahren“.
Wird dieses transzendente Wahrheitsprinzip beseitigt, so kollabiert auch der Gegensatz. Übrig bleibt weder Illusion noch bloße Oberfläche, sondern eine Welt, die keinem ontologischen Vergleich mehr unterliegt. Die Dinge verweisen nicht länger auf ein Dahinter, sondern stehen in einer radikalen Immanenz.
Mittag: maximale Immanenz
Der symbolische Rahmen des „Mittags“ ist entscheidend. Der Augenblick des kürzesten Schattens bezeichnet einen Zustand, in dem nichts mehr hinter die Dinge zurückfällt. Der Schatten – Metapher für Ableitung, Abbild, metaphysische Reserve – ist nahezu verschwunden.
Dieser Moment ist kein Übergang, sondern ein Kulminationspunkt: das Ende des längsten Irrtums. Der Irrtum bestand nicht darin, dass die Welt falsch gesehen wurde, sondern darin, dass sie überhaupt gerechtfertigt werden sollte – durch Wahrheit, Moral oder Jenseitsversprechen.
Im Mittag steht die Welt ohne Alibi da. Sie ist weder entschuldigt noch angeklagt. Sie ist einfach – und verlangt eine neue Form der Bejahung.
Oberflächlich gelesen scheint diese Abschaffung aller transzendenten Garantien im Nihilismus zu enden. Doch Nietzsche versteht den Nihilismus nicht als Endzustand, sondern als Durchgangsstadium. Er ist die notwendige Konsequenz einer Ehrlichkeit, die die metaphysischen Fiktionen nicht länger mitträgt.
Der eigentliche Nihilismus wäre es, an der Wahrheit festzuhalten, nachdem ihre genealogische Funktion durchschaut wurde.
Mit Nietzsches "Also sprach Zarathustra" beginnt kein neues System, sondern eine neue Form des Philosophierens.
Zarathustra spricht nicht in Definitionen, sondern in Bildern, Gleichnissen, Gesängen. Er verkörpert eine Philosophie, die nicht mehr beweist, sondern schafft. Wahrheit wird nicht argumentativ begründet, sondern ästhetisch hervorgebracht.
Die Re-Fabulierung der Welt
Die Abschaffung der „wahren Welt“ bedeutet nicht das Ende der Fabel, sondern deren Befreiung. Die metaphysische Wahrheit war eine Fabel, die sich als notwendig ausgab.
Re-Fabulierung heißt:
Sinn entsteht nicht durch Entdeckung, sondern durch Gestaltung
Deutung wird nicht legitimiert durch Wahrheit, sondern durch Kraft, Intensität und Fruchtbarkeit
Die Welt wird nicht mehr „richtig“ oder „falsch“ interpretiert, sondern stärker oder schwächer, lebenssteigernd oder lebensverneinend.
In dieser Perspektive ist Kunst keine ästhetische Randerscheinung, sondern die zentrale Weise der Weltbegegnung. Sie übernimmt die Funktion, die zuvor der Metaphysik zukam – allerdings ohne deren dogmatischen Anspruch.
Die künstlerische Fabel:
erhebt keinen Absolutheitsanspruch
bleibt experimentell
ist widerrufbar und plural
Auch im Zeitalter der Metaphysik und schon vorher hat die Welt eine Unzahl von großartigen Kunstwerken hervorgebracht...
Nietzsches Abschaffung der „wahren“ und der „scheinbaren“ Welt eröffnet die Möglichkeit einer radikalen Re-Fabulierung: Sinn entsteht nicht mehr durch Wahrheit, sondern durch Gestaltung. Welt wird zum Kunstwerk, Leben zur ästhetischen Praxis. Doch genau hier lauert eine Gefahr, die Nietzsche selbst nur andeutet, aber nicht systematisch ausarbeitet:
Die Gefahr, dass die neue Fabel zu schön wird.
Wo Wahrheit entthront ist, kann Schönheit ihre Stelle einnehmen. Die ästhetische Rechtfertigung des Daseins droht zur neuen Ontologie zu werden: nicht mehr metaphysisch, sondern stilistisch; nicht mehr wahr, sondern gelungen. Die Welt erscheint dann nicht mehr als „wahr“, sondern als stimmig, intensiv, affirmierbar – und genau darin kann sich eine neue Sorglosigkeit einschleichen.
Hier setzt Levinas’ Begriff der Obliteration ein – nicht als Anti-Nietzsche, sondern als ethische Bremskraft innerhalb der ästhetischen Weltbejahung.
In seinem späten Interview "Von der Obliteration" formuliert Emmanuel Levinas eine Forderung, die sich nicht gegen Kunst als solche richtet, sondern gegen ihre Tendenz zur Beruhigung. Die „Leichtfertigkeit des Schönen“ bezeichnet jene ästhetische Haltung, in der Erscheinung sich selbst genügt, Präsenz sich rechtfertigt, Sein sich selbstverständlich macht.
Diese Kritik trifft genau den neuralgischen Punkt der nietzscheanischen Re-Fabulierung:
Wenn Welt nur noch Kunstwerk ist, besteht die Gefahr, dass sie zu glatt, zu souverän, zu affirmativ erscheint. Schönheit wird dann zur ästhetischen Komplizin des Seins.
Obliteration meint keinen Rückzug, kein Schweigen, sondern einen sichtbaren Eingriff in die Erscheinung: Überlagerung, Streichung, Ausbesserung. Schönheit soll nicht verschwinden, sondern ihre vermeintliche Unschuld verlieren.
Obliteration wirkt damit wie eine ethische Interpunktion innerhalb der Fabel. Sie verhindert, dass die ästhetische Weltbejahung in eine neue Totalität kippt.
Im Horizont der Obliteration verändert sich der Begriff der Schönheit selbst. Schönheit ist nicht mehr Harmonie, sondern Spannung; nicht Präsenz, sondern überarbeitete Erscheinung. Die „Ausbesserungen des Seins“, von denen Levinas spricht, machen sichtbar, dass jedes Erscheinen bereits durch Eingriffe, Tilgungen, Reparaturen gegangen ist.
Hier entsteht eine neue ästhetische Figur:
eine Schönheit, die nicht tröstet,
eine Schönheit, die nicht versöhnt,
eine Schönheit, die sich ihrer eigenen Gemachtheit aussetzt.
eine Re-Fabulierung, die ihre eigenen Streichungen zeigt.
Die Welt als Kunstwerk – ja.
Aber als überarbeitetes, geflicktes, nicht unschuldiges Kunstwerk.
Nietzsche wollte die Welt von der Wahrheit befreien.
Levinas erinnert daran, dass diese Befreiung nicht in ästhetische Sorglosigkeit umschlagen darf.